Kein Fußbreit dem Antifeminismus
Foto: Celestine Hassenfratz.

Kein Fußbreit dem Antifeminismus

Ruth Bader-Ginsburg ist tot, J.K. Rowling baut ihr Image als Königin der Transfeinde aus, Somuncu ist und bleibt ein misogynes Arschloch, drei Parlamentarierinnen berichten über Sexismus im Bundestag und in Berlin wurde den radikalen Abtreibungsgegner*innen ein wütender Empfang bereitet. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW38

Montag, 14. September
Die „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling, die schon häufiger mit transfeindlichen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht hat, hat unter ihrem Pseudonym „Robert Galbraith“ ein neues Buch veröffentlicht. Der Roman „Troubled Blood“ handelt von einem Mann, der sich als Frau verkleidet, um Frauen umzubringen.

Ich versuche in aller Kürze zusammenzufassen, warum das höchst problematisch ist: Rowlings Mörder, Dennis Creed, täusche seine Opfer „durch eine sorgfältige Darstellung der Weiblichkeit“, heißt es. Außerdem sei sein „Fetisch“ Ergebnis einer kindlichen Traumatisierung. Der Mörder, der gerne „Frauenkleidung“ trägt, ist eins der häufigsten transfeindlichen Motive der Popkultur, siehe z.B. „Psycho“ und „Das Schweigen der Lämmer“. In der aktuellen Netflix-Doku „Disclosure“ wird dieser Trope eingehend thematisiert (guckt sie euch an! Es lohnt sich).

Nicht nur bringt Rowling trans Personen mit „psychisch kranken Killern“ in Verbindung, sie stilisiert den Cross-Dresser als Gefahr für Frauen. Als wären Frauen in Wahrheit nicht viel mehr durch Cis-Männer ganz ohne „Verkleidung“ bedroht. Auch deckt sich dieser Narrativ mit der von Rowling geteilten Auffassung, trans Frauen seien eine Gefahr für die Cis-Frau als „einzig wahre Frau“.

In Verbindung mit ihren, in der Vergangenheit getätigten, transfeindlichen Äußerungen und ihrem vielsagenden Pseudonym (Robert Galbraith war ab den 1950er Jahren ein Pionier der sogenannten Konversionstherapie) ist dieser neue Roman, der natürlich schon ein Bestseller ist, ein weiterer Rückschlag für trans Menschen im Kampf um die Anerkennung ihrer Rechte.

Trans Personen, insbesondere trans Frauen, werden immer wieder Opfer von (sexueller) Gewalt. Die ständig wiederholte Erzählung, dass sie „Männer in Frauenkleidung“ seien, trägt dazu bei. Weltweit wurden seit Beginn der statistischen Erfassung vom 1. Januar 2008 bis zum 30. September 2019 insgesamt 3.314 Morde an trans Personen in 74 Ländern registriert. Die Dunkelziffer fällt deutlich höher aus. 

Dienstag, 15. September

Ich hab eigentlich gar kein Bock dem unlustigen Penner Serdar Somuncu hier Raum zu geben, aber der Wochenrückblick wäre unvollständig, würde ich das hier auslassen: Die Kurzfassung: Somuncu und sein stiefelleckendes Helferlein, Florian Schröder, der sich schon als Anwalt von Dieter Nuhr anzubiedern versuchte, haben jetzt einen Podcast. Wie so viele weiße Männer haben auch sie die unerschütterliche Überzeugung, dass das, was sie so vor sich hin labern interessant genug ist, um es aufzuzeichnen. Leider teilt auch der öffentlich-rechtliche Sender radioeins diesen Irrtum und macht ein Format daraus. Also treffen sich die zwei Herren und brabbeln drei(!) Stunden lang unlustiges, belangloses Zeug. Das Ganze wäre nicht der Rede wert und hätte auch keine Beachtung verdient. Somuncu weiß aber, wie er Beachtung erhält. Es ist nicht das erste Mal, dass er mit Frauenverachtung und Rassismus Aufmerksamkeit generiert. Im aktuellen Podcast haut er mehrfach rassistische Begriffe raus („N*ger“, „B*mbo“, „M*hr“, „Z*geuner“) und nennt Frauen, die sich gegen Rassismus und Sexismus engagieren u.a. „schlecht gefi***, miese, hässliche Schabracken.“ Schröder lacht sich kaputt und man kann seine Incel-Fresse regelrecht vor sich sehen. Wer findet sowas lustig? Wer ist die Zielgruppe? Wahrscheinlich die gleichen Männer, die einen Wutanfall kriegen, wenn in der Kantine Veggi-Day ist.

Hinterher jammern Schröder und Somuncu rum, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, es sei ja Satire, Kunstfigur, Meta-Ebene, lyrisches Ich und was auch immer. Die missverstandenen Genies sehen sich von Cancel Culture bedroht und wer über ihre Witze nicht lachen könne, sei halt zu dumm (oder habe „noch nicht einmal in ihrem Leben einen Pimmel gesehen“, wie Somuncu es formuliert). Die AFD und der Rest des rechten Twitter-Siffs feiern die beiden als Helden der Meinungsfreiheit. Satire dürfe schließlich alles. Wenn das so ist, frage ich mich, warum die Eckharts, Nuhrs, Schröders und Somuncus dann nicht mal was anderes machen? Misogynie, Rassismus oder Antisemitismus als Satire zu tarnen ist so ein billiger Move. Diese Menschenfeindlichkeit hält auch niemandem den Spiegel vor oder setzt irgendeinen Denkprozess in Gang. Ohne Einordnung, ohne das Gesagte auseinanderzunehmen, ist es einfach nur Hetze. Satire tritt nicht nach unten, sie boxt nach oben. Es ist tatschlich so einfach.

Mittwoch, 16. September
Die Parlamentarierinnen Claudia Roth (Grüne), Josephine Ortleb (SPD) und Emmi Zeulner (CSU) sprechen auf Zeit Online über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Bundestag. Die 33-jährige Emmi Zeulner, die sich selbst „nicht als Feministin“ bezeichnet, ist seit 2013 Abgeordnete. Sie erzählt: „Im Bundestag passiert Frauen manches nur deshalb, weil sie Frauen sind. Etwa, dass manche Männer einfach aufhören zuzuhören, wenn eine Frau zu reden beginnt.“ Sie berichtet, dass ihr häufig von Männern gesagt würde, sie solle „umgänglicher, geschmeidiger“ sein, „brav und nicht so kämpferisch“. Bei den Männern hingegen würde Hartnäckigkeit belohnt, da hieße es dann „Die brennen für ihr Thema“. Frauen würden ihre Schwangerschaften so lange wie möglich verheimlichen oder ihre Kinder nicht thematisieren, denn Mütter würden verschwinden: „Nicht physisch, aber aus den Köpfen vieler, die etwas zu entscheiden haben. Eine junge Mutter schläft zu wenig, muss sich ums Kind kümmern, ist also nicht leistungsstark. Die Karriere wird auf Eis gelegt. Für junge Väter trifft das alles nicht zu.“

Josephine Ortleb macht ähnliche Erfahrungen: „Die Männerdominanz ist allgegenwärtig. Sie bestimmt nicht nur die Plenarsitzungen, sondern auch den ganz alltäglichen Parlamentsbetrieb.“ Die 33-Jährige ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete, sie sagt: „Mich erschreckt, dass vor allem ältere Kollegen in ihrer Bier-und-Currywurst-Seligkeit unter ‘Sexismus’ immer noch allein sexuelle Übergriffe verstehen – und ihn gar nicht als strukturelles Problem erkennen.“ Dass Frauen nicht zugehört wird, erlebt auch sie: „Egal ob in der Arbeitsgruppe, im Ausschuss, in der Fraktion oder im Plenum – sobald eine Frau das Wort ergreift, zücken viele Männer ihr Handy, tuscheln mit ihrem Nachbarn oder drehen sich zu ihrem Hintermann um.“ Als Frau sei es im Politikbetrieb viel schwieriger Karriere zu machen, sagt Ortleb, denn in die „informellen Netzwerke“ kämen Frauen selten rein, dabei seien die besonders wichtig, um beruflich aufzusteigen. „Sich in der Kneipe verabreden, Bier trinken, quatschen, Ränke schmieden, den nächsten Karriereschritt planen – das ist schon so ein Jungsding, erzählt die SPD-Abgeordnete.

Claudia Roth ist stellvertretende Bundestagspräsidentin und erlebt häufig sexistische Anfeindungen im Parlament, seit dem die AFD dabei ist, sei es viel schlimmer geworden: „Der Einzug der AfD in den Bundestag hat alles verändert. Es kommt mir so vor, als wären wir bis dahin in Watte gepackt gewesen.“

Aber die AFD ist nicht allein für den Sexismus und die frauenfeindlichen Herabwürdigungen verantwortlich. Wie ihre beiden Kolleginnen berichtet auch Claudia Roth davon, dass viele Männer den weiblichen Parlamentarierinnen nicht zuhörten. Diese Respektlosigkeit drohe zur „Normalität“ zu werden, sagt Roth, „und das kommt nicht nur von der AfD: Frauen werden demonstrativ missachtet. Wenn eine Abgeordnete redet, egal aus welcher Fraktion, drehen sich viele Männer um, quatschen, hören nicht mehr zu, der Lärmpegel steigt.“

Claudia Roth betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Den Hass, der – vor allem weiblichen – Abgeordneten entgegenschlägt, sei oft nur schwer erträglich. „Wenn diese offene Aggression gegen Frauen in der Politik so bleibt, werden wir viele fähige Frauen schneller wieder verlieren, als wir sie gewonnen haben – auch aus demokratischer Sicht wäre das verheerend, sagt Roth. Ich hoffe, sie bleibt stabil und wehrt sich weiter gegen die „Maskulinisten und Retromänner“, die sich neu formierten, wie sie sagt: „sie wollen sich zurückholen, was ihnen gar nicht gehört: Macht, Einfluss, das Sagen.“

Donnerstag, 17. September
Jeden dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine (Ex-)Partnerin.
Am Donnerstag hat am Berliner Landgericht der Prozess gegen einen von ihnen begonnen. Der 37-jährige Programmierer André N. tötete am 16. März seine langjährige Lebensgefährtin Karin R. Die 34-jährige OP-Schwester und zweifache Mutter wurde im März von ihrem langjährigen Partner bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und anschließend mit einem Plastiksack erstickt. Ihr Mörder gab eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf, nachdem er die Leiche in einem Gewerbegebiet vergraben hatte. Später gestand er den Mord.

Angeblich galt der Täter als „ruhig und friedfertig“, so der Tagesspiegel ohne Quellenangabe.

„Meistens haben solche Morde eine ganz lange Vorgeschichte innerhalb der Beziehung“, sagte der Soziologe Ferdinand Sutterlüty in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im November. Und weiter: „Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade Trennungsphasen für Frauen am gefährlichsten sind.“ Auch im Falle der getöteten Katrin R. soll es innerhalb der Partnerschaft zu Streit gekommen sein, es ging dabei wohl um den Ausbau des Hauses, so der Tagesspiegel. Die Aussage des Täters, André N., wird am 8. Oktober erwartet.

Fest steht, nirgendwo leben Frauen so gefährlich wie Zuhause.

„In der Familie gibt es ein strukturell angelegtes Gewaltpotenzial. Die familiale Interaktion ist stark emotionsgeladen. Die hohen Erwartungen an das private Glück sind sehr enttäuschungsanfällig. Auch ist das Verhalten innerhalb der Familie von einer ganz anderen Körperlichkeit als in anderen sozialen Sphären geprägt. Im häuslichen Bereich gibt es oft nichts Drittes, das von außen käme und Eskalationen stoppen könnte. Je isolierter eine Familie lebt, desto höher sind die Gewaltraten.“

Ferdinand Sutterlüty, Soziologe

Freitag, 18. September
Wenn ein alter Mensch stirbt ist es meistens sehr traurig, aber in der Regel keine Tragödie. Im Fall von Ruth Bader-Ginsburg ist das anders. Die US-Verfassungsrichterin und feministische Ikone ist am Freitag im Alter von 87 Jahren gestorben und die Sorgen um die Zukunft der USA wachsen. Ich habe dazu einen eigenen Blogartikel geschrieben.

Samstag, 19. September
Am Samstag kamen erneut radikale Abtreibungsgegner*innen, fundamentale Christ*innen, Maskulinisten und Antifeminist*innen zum so genannten „Marsch für das Leben“ in Berlin zusammen. Unter ihnen auch rechtsextreme Aktivist*innen der Identitären Bewegung und AFD’ler*innen. Prominenteste Mitmarschiererin war Beatrix von Storch, deren Selbstinszenierung als Lebensschützerin einfach nur lächerlich ist, will sie doch Geflüchtete beim Grenzübertritt erschießen lassen.

Generell endet das Engagement der selbsternannten Lebensschützer*innen mit der Geburt. Sie interessieren sich kein bisschen für Kinder oder Schwangere, einzig das „ungeborene Leben“ ist ihnen so wichtig, dass sie dafür auf die Straße gehen. Dabei bedienen sie sich zynischer Slogans wie „Kein Mensch ist egal“ (was sich natürlich auf ungeborene „Menschen“ bezieht, nicht etwa auf Geflüchtete oder Vergewaltigungsopfer) oder „All Lives Matter“. Etwa 3.000 Anhänger*innen mittelalterlicher Werte nahmen dieses Jahr am Fundi-Aufmarsch teil, überwiegend Männer, so mein Eindruck von außen.

Meine Freundin, die Journalistin und Fotografin Celestine Hassenfratz, hat den Marsch und die Gegenproteste am Samstag begleitete. Hier eine kleine Auswahl ihrer tollen Fotos:

Leider haben die Cops auch am Samstag wieder massiv überreagiert. Berlin Mitte glich einer militärischen Sperrzone. Wer sich an den (angemeldeten!) Gegenprotesten beteiligen wollte, wurde von der Polizei immer wieder abgewiesen, umgeleitet und zurückgedrängt. Teilweise mit massiver völlig ungerechtfertigter Gewalt.

Die Berliner Polizei behinderte die Arbeit der Presse und die des Bündnisses für Sexuelle Selbstbestimmung dermaßen, dass die Organisator*innen Beschwerde einreichen werden.

Mir steckte noch der Schock über den Tod von Ruth Bader-Ginsburg in den Knochen, als ich mich am späten Vormittag zu den Gegenprotesten aufmachte. Der Kampf um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung erscheint mir wichtiger denn je. Überall auf der Welt erstarken rechte, antifeministische Strömungen, die Schwangerschaftsabbrüche noch stärker kriminalisieren wollen und Frauen den Zugang zu sicheren Abtreibungen verwehren. Auch in Deutschland steht es nicht gut um unsere Rechte. Immer weniger Ärzt*innen führen überhaupt Abtreibungen durch, die Zahl sank seit 2003 von 2.000 auf 1.200. In manchen Regionen müssen für einen Schwangerschaftsabbruch bis zu 200km zurückgelegt werden.

Abtreibungen müssen in Deutschland endlich legalisiert werden, ohne Kompromisse. Die körperliche Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht, das Frauen aktuell verwehrt bleibt. Das ist nicht hinnehmbar. Aus meiner Sicht ist es ganz einfach: Wer gegen Abtreibungen ist, soll halt keine haben.

Nochmal Samstag
Am Samstag hielt Ober-Chauvi Christian Lindner auf dem FDP-Parteitag eine Rede, die so unangenehm ist, dass ich es kaum aushalte, sie anzusehen. Tut es euch an, wenn ihr ein Paradebeispiel für Cringe braucht. Vordergründig spricht Lindner über die Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg, in Wahrheit redet er aber nur über sich selbst.

In bester Creep-Manier baut er dann noch einen zotigen Herrenwitz ein, der bei mir nur Würgereiz auslöst. Hinterher versucht er seinen Sexismus nicht etwa als misslungenen Scherz abzutun, nein besser: Lindner behauptet, er hätte gar keinen Witz machen wollen, „vereinzeltes Lachen“ hätte ihn „irritiert“. Jaaaa klar. Deshalb auch die schmunzelnde Kunstpause, Chrissi.

Sonntag, 20. September
Franzis Kabisch hat für die taz einen guten Artikel über Schwangerschaftsabbrüche in Filmen und Serien geschrieben. Lest ihn, wenn ihr Zeit und Lust habt!

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