Wut und Ohnmacht
Die Marburgerin Felicia Ewert hat einiges zu sagen zum TSG. (Illustration & Foto von mir.)

Wut und Ohnmacht

Auch dank der SPD hält Deutschland an der entwürdigenden Praxis nach dem TSG fest, bei einer Bremer Wohnungsbaugesellschaft wurde Rassismus aufgedeckt und der deutsche ESC-Beitrag war nicht nur peinlich, sondern auch transfeindlich. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW20

Montag, 17. Mai

Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT). Ähnlich wie der „Diversity-Day“ ein paar Tage später, dient dieses Datum inzwischen hauptsächlich Firmen und Organisationen dazu, sich einen „weltoffenen“ Anstrich zu geben. So twittern bspw. Volkswagen, die SPD oder Fortuna Düsseldorf irgendwas mit Regenbogenfarben, gerne auch sowas wie „Lieb doch wen du willst“, als ginge es beim queeren Kampf um „bunte“ Repräsentation und nicht um existenzielle Rechte und Schutz vor (teilweise tödlicher) Gewalt.

Überhaupt sollten wir aufhören, von „Phobie“ zu sprechen, wenn es um Hass geht. Menschen haben i.d.R. keine Angst vor queeren oder trans Menschen, sie hassen sie einfach. Das sollten wir auch so benennen, denn das Etikettieren als „Phobie“ nimmt die Hassenden aus der Verantwortung. Für Phobien kann schließlich niemand was. In den USA gilt es tatsächlich als strafmildernd bei Hate Crimes, wenn ein*e Täter*in eine vermeintliche Angst angibt. Die sogenannte „gay/trans panic legal defense“ erlaubt es einer angeklagten Person sich auf „Selbstverteidigung“ zu berufen und gibt der geschädigten queeren / trans Person eine „Mitschuld“ an der Tat.

Dienstag, 18. Mai

Nachdem die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) am Montag eine Pressemitteilung zur sogenannten „Rastertherapie“ herausgegeben hat, fand das Thema am Dienstag auch mediale Berücksichtigung. Der kritisierte Gesetzesentwurf des Bundesgesundheitsministeriums sieht vor, dass anstelle individueller Diagnose und Behandlung künftig die Art und Dauer der Psychotherapie nach groben Rastern festgelegt werden soll. „Solche Raster-Psychotherapie ist das Ende qualitativ hochwertiger und an der einzelnen Patient*in orientierte Versorgung. Es ist zu befürchten, dass künftig mit einem rigiden Raster festlegt wird, wie schwer Patient*innen erkrankt sein müssen, um eine Behandlung zu erhalten und wie viele Therapiestunden ihnen zustehen. Ob, wie intensiv und wie lange eine Behandlung erforderlich ist, müssen Psychotherapeut*innen aber nach sorgfältiger Diagnostik und unter Berücksichtigung des bisherigen Krankheits- und Behandlungsverlaufs gemeinsam mit ihren Patient*innen festlegen“, erklärt BPtK-Präsident Dietrich Munz.

Gegen den Gesetzesentwurf gibt es eine Petition, die ihr hier unterschreiben könnt.

Warum psychische Gesundheit ein feministisches Thema ist, habe ich hier aufgeschrieben.

Mittwoch, 19. Mai

Das Verfahren gegen die Kapitänin und Seenotretterin Carola Rackete wurde eingestellt. Das italienische Gericht gab dem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, die Ermittlungen fallen zu lassen. Mit dieser Entscheidung habe das Gericht „die Notwendigkeit, Leben zu retten, anerkannt“, sagte Salvatore Tesoriero, Carola Racketes Anwalt.

Auch am Mittwoch:

Der Bundestag lehnt eine Änderung des sogenannten Transsexuellengesetz ab. Die Grünen und die FDP hatten jeweils einen Antrag eingebracht, der die entwürdigende Praxis durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen sollte. Gemeinsam mit CDU/CSU und AfD hat die SPD dafür gesorgt, dass das seit 1981 geltende TSG bestehen bleibt, obwohl das Bundesverfassungsgericht bereits sechs Mal (!) geurteilt hat, dass das Gesetz gegen die Verfassung verstößt.

Das TSG zwingt trans Menschen zu einer teuren und entwürdigenden Prozedur, wenn sie Namen und / oder Geschlechtseintrag ändern lassen wollen.

Bislang hat die Geschichte gezeigt, dass Menschenverachtung von der Mehrheit oft erst im Rückblick als solche erkannt wird. Dass die Täter*innen erst im Rückblick als diese entlarvt werden. Leider hilft das trans Menschen im Hier und Jetzt überhaupt nicht. Es macht mich wütend und hilflos. Wie wir alle Zeug*innen sind und doch nichts tun.

Muri Darida hat für ZETT ein Interview mit Felicia Ewert geführt, die das Buch „Trans. Frau. Sein“ geschrieben hat und selbst durch den entwürdigenden Prozess des TSG gegangen ist. Sie berichtet über die verpflichtenden Sitzungen mit den Gutachter*innen: „Die Gespräche dauerten jeweils zwei bis drei Stunden und ich musste vor fremden Personen mein Leben ausbreiten. Ich sollte von meiner Kindheit erzählen, meine Familienmitglieder samt Beruf aufzählen und sagen, was die davon halten, dass ich trans bin. Besonders detailliert ging es auch um die Frage nach vergangenen sexuellen oder romantischen Beziehungen.“ Felicia Ewert sagt: „Viele denken, dass es bei solchen Gutachten eine Beratung gibt, ein gemeinsames Herausfinden, aber so ist das nicht. Die hören einfach zu und überlegen sich, ob sie dir glauben, dass du tatsächlich das Geschlecht bist, das du sagst. Dabei wird ein als stereotyp begriffenes Auftreten vorausgesetzt.“ Das ganze Interview könnt ihr hier lesen.

Und Mittwoch zum Dritten:

Auch diese Woche kommt nicht ohne Femizid aus. In Dänischenhagen (bei Kiel) hat offenbar ein 47-jähriger Zahnarzt seine Ex-Partnerin, deren neuen Freund und einen weiteren Mann erschossen. Medienberichten zufolge hatte die Frau den Täter verlassen, nachdem er ihr das Nasenbein gebrochen hatte. Wie so oft scheint auch hier dem Femizid häusliche Gewalt vorausgegangen zu sein.

Ebenfalls in Schleswig-Holstein wurden bereits am Freitag zwei Leichen gefunden. Ein 44-Jähriger tötete offenbar erst seine Mutter, dann sich selbst. Zum Motiv konnte die Polizei bislang keine Angaben machen.

Donnerstag, 20. Mai

In Bremen wurde von Journalist*innen das aufgedeckt, was viele Wohnungssuchende bereits wussten, aber nicht beweisen können: Die städtische(!) Wohnungsbaugesellschaft „Brebau“ hat gezielt rassifizierte Menschen diskriminiert. Intern habe es eigene Codes gegeben, die die Beschäftigten für Wohnungsbewerber*innen verwenden sollten, u.a. „KT“ für Wohnungssuchende mit Kopftuch und „E40“ für Schwarze Menschen. Für letztere galt eine Art Sperrvermerk: „Keine ‘People of Colour’ (dazu gehören auch Sinti, Roma, Bulgaren, Rumänen)“. Ein Whistleblower sagt: „Wenn du was dagegen sagst, […] dann bist du der Außenseiter. Dann heißt es: ‘Was willst du denn, das machen doch alle Wohnungsgesellschaften so.’“

Freitag, 21. Mai

Der Podcast „Rice and Shine/Hamburg 1980: Als der rechte Terror wieder aufflammte“ von Minh Thu Tran und Vanessa Vu hat den Europäischen Civis Medienpreis für Integration und kulturelle erhalten. Der Podcast widmet sich dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Hamburg, bei dem im August 1980 zwei junge Männer aus Vietnam getötet wurden. Der Beitrag gewann zudem den Podcast Publikumspreis.

Samstag, 22. Mai

Jedes Jahr freue ich mich wie Bolle auf den Eurovision Songcontest. Es ist vermutlich das einzige mediale Großereignis, das ich noch verfolge. An den Europa- und Weltmeisterschaften im Männerfußball habe ich schon vor geraumer Zeit das Interesse verloren. Der ESC aber bringt mich noch immer dazu, vielfältige Snacks vorzubereiten und mich schon einige Tage vorher via Spotify auf die Teilnehmenden einzustimmen. Ich liebe einfach die Stimmung des ESC, die Queerness, die Party, den Glitzer, das Trashige und das Glamouröse. In diesem Jahr hatte ich Schwierigkeiten mich zu entscheiden zwischen dem sensationellen Schweitzer Beitrag von Gjon‘s Tears (Gjon Muharremaj, dem emotionalen Chanson von Barbara Pravi (Barbara Piévic) für Frankreich und dem feministischen Statement von Manizha (Manischa Dalerowna Sangin) für Russland.

Enttäuschend war für mich vor allem der Deutsche Act (wie so oft), denn der offen-schwul lebende „Jendrik“ lieferte eine peinliche Schlagernummer ab und machte während seiner Nummer mit „meine Damen und Herren und die, die sich nicht entscheiden möchten“ auch noch eine trans-/enbyfeindliche Ansage. Die misogynen und bodyshamenden Kommentare von Peter Urban waren auch wieder ziemlich low. Ich hoffe sehr, dass wir da in Zukunft eine dem Anlass angemessenere Moderation bekommen.

Sonntag, 23. Mai

Am heutigen „Tag des Grundgesetzes“ wollten die selbsternannten Querdenker*innen eigentlich die große Revolution durchführen. Allerdings wurden die angemeldeten Demonstrationen und Kundgebungen kurzfristig verboten oder aufgelöst. YES!

Währenddessen fordert Ex-Bundespräsident Joachim Gauck mehr „Toleranz“ für die „Querdenker“ und „Impfgegner“. Nachdem Gauck in der Vergangenheit bereits mehr Toleranz für AfD-Wähler*innen gefordert hatte, überrascht mich das allerdings nicht.

Apropos Impfen: Ich bin morgen dran und schon sehr aufgeregt und glücklich deshalb! Habt eine schöne Woche, hoffentlich bald alle einen Impftermin und passt auf euch und einander auf!

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