Wir dürfen nicht schweigen
Du wirst uns fehlen, Esther Bejarano. (Illustration von mir.)

Wir dürfen nicht schweigen

Die Woche begann mit furchtbaren Bildern aus Tiflis und endet mit dem traurigen Gedenken an Srebrenica. Zwischendurch hat Laschet das Gendern erklärt und wir mussten die stabile Antifaschistin und Holocaust-Überlebende Esther Bejarano verabschieden. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW27

Montag, 5. Juli

In Tiflis wurde die Pride-Parade abgesagt, nachdem gewalttätigen Rechte verschiedene Ziele in der Stadt angegriffen hatten, unter anderem das Büro der LGBTQ-Organisation. „Der Marsch wird heute nicht stattfinden“, erklärten die Organisator*innen. „Wir können nicht auf eine Straße voller Schläger gehen, die von der Regierung, den Kirchenoberen und den prorussischen Kräften unterstützt werden, und das Leben der Menschen aufs Spiel setzen“. Der georgische Premierminister Irakli Gharibaschwili hatte die Parade zuvor als „unvernünftig“ bezeichnet, weil Zusammenstöße zu erwarten seien. Es ist ein deutliches Zeichen, dass die erste „Pride“ in der Geschichte des Landes nicht geschützt wurde. Stattdessen jubelten die Gegner*innen, dass der „Marsch der Würde“ abgesagt wurde. Sie führten Freudentänze vor dem Parlamentsgebäude auf. Der rechtsextreme Mob in den Straßen griff auch Journalist*innen an, die über die queerfeindliche Gewalt berichteten. 20 Menschen wurden, einem Bericht der FAZ zufolge, verletzt, andere Quellen sprechen von über 50. Am Sonntag wurde gemeldet, dass der Kameramann Aleksandre Lashkarava, der von Angreifern zusammengeschlagen wurde, gestorben ist.

Dienstag, 6. Juli

Am Dienstag meldete die Tagesschau, dass die Zahl der Habilitierten in Deutschland leicht gestiegen ist. Insgesamt haben 1.533 Wissenschaftler*innen im vergangenen Jahr ihre Habilitation abgeschlossen. 538 davon sind Frauen. (Wie in so vielen Erhebungen wurde auch hier offenbar nur nach männlich oder weiblich unterschieden.) Fast zwei Drittel der Habilitierten sind also männlich. Der Wissenschaftsbetrieb ist hierzulande immer noch stark männlich geprägt. Ende 2019 gab es in Deutschland rund 48 500 hauptberufliche Professor*innen. Nur etwa 12 400 davon sind weiblich, 26 %. Im Bereich der Ingenieurwissenschaften ist der Frauenanteil mit 14 % am geringsten und in den Geisteswissenschaften mit 39 % am höchsten. Je höher die universitäre Karriereleiter erklommen wird, desto geringer ist der Frauenanteil. Betrachtet man nur die Hochschulabsolvent*innen, sind die weiblichen Studierenden sogar in der Überzahl. 51,7 % der Studierenden, die einen Abschluss machen, sind Frauen. Bei den Promotionen liegt der Frauenanteil dann nur noch bei 45,4 %. Die taz hat 2019 ein paar der Gründe aufgeschrieben, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur einer.

Mittwoch, 7. Juli

Armin Laschet war beim „Brigitte Talk“ zu Gast und erklärte, ein männlicher Kanzler sei die beste Wahl auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. In Laschets Logik kann sich nämlich ein Mann viel glaubwürdiger für die Belange von Frauen einsetzen. Zwar zeigt er sich nur wenige Sätze vorher gleichermaßen plan- wie fantasielos, wenn er auf die Frage nach konkreten Maßnahmen antwortet: „Der Kern ist nur, was kann Politik wie daran ändern?“ und dann mit der „eine Art Quote“ in den Aufsichtsräten kommt. „Mein Ziel wäre es, in der Gesellschaft dazu beizutragen, dass auch ohne so eine gesetzliche Vorgabe mehr an diese Geschlechtergerechtigkeit gedacht wird.“ LOL. Laschet freut sich sichtlich als ihm dann noch der Nachsatz einfällt, dass die Frage der Gleichstellung nicht etwas ist, um das sich die Frauen kümmern sollen, sondern „die gesamte Gesellschaft, also auch die Männer mitkümmern müssen“. Ich werde leider trotzdem das Gefühl nicht los, dass für Laschet „Frauen“ immer noch diese ominöse Minderheit sind, die irgendwie mitbedacht werden muss, weil es sonst Wähler*innenstimmen kosten könnte. Apropos Wähler*innen: Laschet sagt, das Gendersternchen passe nicht zu seinem „Sprachstil“. Er sagt: „Man kann beide erwähnen in dem was man sagt (…) aber ich finde Sprache muss auch von den Menschen verstanden werden“. Dass Laschet selbst nicht so „genderbewusst“ ist, wie er glaubt, zeigt sich mir schon an dem kleinen Wörtchen „beide“. Zwinkizwonki.

Donnerstag, 8. Juli

Auch diese Woche ereigneten sich in Deutschland wieder Femizide. In Steinau an der Straße wurde eine 52-jährige Frau offenbar von ihrem Ehemann getötet, der sich kurz darauf das Leben nahm. Die Polizei fand die Leiche der Frau in einem Café und ging sofort von Fremdeinwirkung aus. Der 68-jährige mutmaßliche Täter wurde in einem Waldstück in der Nähe gefunden. Medienberichten zufolge lebte das Paar getrennt. Die Zeit nach einer Trennung ist die gefährlichste für Frauen. Die Politologin und Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle koordiniert das European Observatory on Femicide und sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk im April: „Die Frau trennt sich oder hat die Absicht sich zu trennen und wird dann von dem Mann getötet. Gerade das, was die Öffentlichkeit oft denkt, dass es sich um eine plötzliche, spontane Übersprungshandlung handelt, ist nicht der Fall, sondern es ist eine Handlung, die sich einbettet in den Versuch, Kontrolle und Dominanz über eine Frau zu bekommen und dabei nicht zu scheitern.“ So scheint es auch im Fall des Femizids in Steinau gewesen zu sein. Wie RTL berichtet, gab es bereits Anfang April einen SEK-Einsatz bei dem Ehepaar. Der Mann soll die Frau gewürgt haben und es wurden mehrere Schusswaffen gefunden. Die Frau hat danach lediglich ein Kontaktverbot erwirken können.

Der zweite Femizid ereignete sich bereits einen Tag zuvor in Ulm. Dort wurden die Leichen einer 34-jährigen Frau und ihrer 5-jährigen Tochter in einer Wohnung gefunden. Tatverdächtig ist der 38-jährige Ehemann, der seine Frau und das Kind mit einem Messer getötet haben soll. Die Frau hatte selbst die Polizei angerufen, als die Einsatzkräfte am Tatort ankamen, waren Frau und Kind bereits tot. Dass andere Personen an der Tat beteiligt gewesen sein könnten, sei laut Staatsanwaltschaft „nahezu ausgeschlossen“.

Freitag, 9. Juli

Am Freitag ist der neue SPIEGEL erschienen und ja, ähm, was soll ich sagen. Das ist das Cover:

Klar könnte man sich beim SPIEGEL auch die zunehmende Queerfeindlichkeit in Europa (in Spanien wurde ein Mann von Schwulenhassern getötet, in Ungarn die Rechte von trans Menschen auf null gesetzt) oder der Corona-Katastrophe in den Ländern, die sich den Impfstoff nicht leisten können (Gebt endlich die verdammten Patente frei!), thematisieren, aber nein: in Hamburg reitet man lieber weiter auf dem Lieblingsthema „Identitätspolitik“ herum. Sebastian Hammelehe, (noch nicht ganz so) alt, weiß, männlich, heult in einem 10.000 Zeichen langen Essay darüber, dass er den Deadname von Elliot Page nicht mehr sagen dürfe: „Die Zahl der Transmenschen ist klein. Der kulturelle Umbruch jedoch, der von ihnen und anderen Minderheiten ausgeht, gewaltig“, schreibt der Leiter des Kultur-Ressorts. Für Hammelehle ist nicht etwa die Entrechtung und Ermordung von trans Menschen ein Problem, sondern dass man sie nicht mehr nach Lust und Laune misgendern darf, ohne dass es dafür Kritik gibt. Er schreibt: „Aber wie gedeihlich kann es in einem Gemeinwesen auf Dauer zugehen, wenn ein Gutteil seiner Bürgerinnen und Bürger fürchtet, von Tabusetzerinnen und -setzern zumindest gegängelt zu werden, wenn nicht gar geknebelt?“ Nun, Basti, ich weiß nicht, wie „gedeihlich“ du Diskriminierung findest, aber verdrehe doch bitte nicht die Tatsachen. Wenn man Leuten wie Hammelehle zuhört, könnte man meinen, Diskriminierung und die Kritik daran seien „gleich schlimm“. Für Hammelehle, der seinen Text mit rassistischen Fremdbezeichnungen garniert, ist das eine „Trotzreaktion“. Ich muss wirklich fast kotzen, wenn ich die folgenden Zeilen lese: „Was für Marcel Proust die Madeleine war, ist für den Durchschnittsnostalgiker womöglich das Z*schnitzel – ein sprachlicher Schlüssel zum Himmel der Kindheit. Für andere aber verweist er in die Hölle der deutschen Konzentrationslager.“ (Die Zensur des rassistischen Begriffs stammt von mir, ich möchte ihn hier nicht reproduzieren.) Sebastian Hammelehle hat das allen erstes so aufgeschrieben! Der Chef des Kultur-Ressorts vom SPIEGEL ist der Meinung, dass sich hier gleichberechtigte Interessen gegenüberstehen: Das Interesse von irgendwelchen Leuten, die einen rassistischen Namen für ihr beschissenes Schnitzel verwenden wollen und die Nachkommen von Sinti und Roma, die von den Vorfahr*innen der Schnitzelfresser ermordet wurden, ernsthaft?!?

Samstag, 10. Juli

Esther Bejarano ist tot. Die Nachricht erreichte mich auf dem Weg zur Arbeit und hat mich wirklich traurig gemacht. Esther Bejarano war Musikerin und Aktivistin, Antifaschistin und Kommunistin, sie war Jüdin und überlebte den Holocaust. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Sie spielte im „Mädchenorchester von Auschwitz“ Akkordeon. Später wurde sie ins KZ Ravensbrück verlegt. Sie überlebte. Dem SPIEGEL erzählte Esther Bejarano letztes Jahr: „Am 3. Mai bin ich befreit worden. An diesem Tag fühlte ich mich zum ersten Mal, seit wir vom Todesmarsch geflüchtet waren, sicher. Sieben Mädchen waren wir, wir haben uns im Wald versteckt. Wir sind erst auf russische Soldaten getroffen und dann auf amerikanische Tanks. Die haben uns aufgenommen, nachdem wir ihnen unsere Nummern auf dem linken Arm gezeigt haben. Sie haben uns nach Lübz gebracht. Da kam dann die Rote Armee einmarschiert. Das war meine Befreiung, eine unwahrscheinlich tolle Befreiung.“

Esther Bejarano hat bis zu ihrem Tod gegen den Faschismus gekämpft. Sie war Mitglied der DKP und des VVN-BdA. Sie war stabile Antifaschistin, die sich auch mit über 90 Jahren noch mit den Bullen anlegte und den Rechten von CDU bis AfD. Sechs Wochen vor ihrem Tod trat sie noch mit der HipHop-Band Microphone Mafia auf, sang jiddische Volkslieder und antifaschistische Protestlieder. Und sie gab uns allen wichtige Worte mit auf den Weg: „Wenn die Regierung nichts gegen die Nazis tut, dann müssen wir das tun. Wir dürfen nicht schweigen!“ Werden wir nicht, Esther. Versprochen.

Sonntag, 11. Juli

Der 11. Juli 1995 ist der Tag, an dem der Genozid von Srebrenica vor den Augen der Weltöffentlichkeit mehr als 8.000 Bosniak*innen das Leben kostete. Selma Jahić hat den Genozid überlebt, sie erzählte in der ZEIT von ihren Erinnerungen.

„Am 10. Dezember 2007 bekamen wir einen Brief vom Roten Kreuz. Man hatte die Überreste meines Großvaters bei Ausgrabungen in der Nähe von Srebrenica gefunden, in zwei verschiedenen Massengräbern. Als mein Bruder mit meinem Vater bei der Beerdigung in Potočari die wenigen Knochen meines Großvaters zum Grab trug, weinten beide fürchterlich. Mein Vater sagte: “Wie kann das Leben eines Menschen nur so wenig wiegen.” In meiner Familie sprachen wir selten über Bosnien und den Genozid. Doch jedes Jahr am 11. Juli kamen die Erinnerungen. Dann weinten wir, bis wir uns am nächsten Tag erneut zusammenrissen und das Geschehene verdrängten. Das ist noch heute so.“

Selma Jahić 

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