Weiterkämpfen! Was denn sonst?
Caster Semenya ist eine der schnellsten Frauen der Welt. Und eine der stärksten. Keep on, Fighting! - Illustration, Hintergrundfoto und Montage von mir.

Weiterkämpfen! Was denn sonst?

Der Brandenburgische Verfassungsschutz ignoriert die Frauen, Caster Semenya erlebt einen Rückschlag im Kampf um die Anerkennung ihrer Würde und die Oscar-Academy macht einen ersten Schritt zu mehr Diversity. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW37

Montag, 7. September
Der Brandenburger Verfassungsschutz hat seinen Jahresbericht für 2019 vorgestellt. In den Medien wurde die herausgegebene Pressemitteilung aufgegriffen. Die Kurzfassung: In Brandenburg gelten nach Einschätzung des Verfassungsschutzes rund 2.800 Menschen als rechtsextrem bzw. als rechtsextremistischer Verdachtsfall. Die Zahl ist gegenüber dem Vorjahr gestiegen und auf einem Rekordhoch seit der Gründung Brandenburgs vor 30 Jahren. Ihr könnt die Berichterstattung auch selbst nachlesen, z.B. hier oder hier.

Ich habe mir gleich den ganzen Bericht heruntergeladen (d.h. die Version, die für die Öffentlichkeit freigegeben ist) und mal genauer nachgelesen. Was mir aufgefallen ist: Frauen kommen im 132-seitigen Bericht (so gut wie) nicht vor. Im Bereich „Islamismus“ werden sie als Ehefrauen von Salafisten erwähnt: „Dem Ehemann wird zudem das Recht zugeschrieben, seine Frau oder Frauen körperlich zu misshandeln.“ Im Bereich Rechtsextremismus kommen sie als NPD-Wählerinnen vor: „Bei der Europawahl gaben ihr nur noch 8.739 Brandenburgerinnen und Brandenburger ihre Stimme, was 0,7 Prozent entspricht“, bzw. werden im Abschnitt über Nazi-Musik erwähnt: „Im bundesweiten Vergleich sind die Aktivitäten rechtsextremistischer Bands und Liedermacher – darunter einige weibliche Liedermacherinnen – hoch.“ Im Kapitel über Linksextremismus werden „Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen“ genannt, deren Entmenschlichung durch den Verein „Rote Hilfe“ gefördert würde. Als „Bürgerinnen“ kommen Frauen an genau zwei Stellen im Bericht vor: als Teilnehmende an Informationsveranstaltungen des Verfassungsschutzes und als potenzielle Opfer linksextremer Manipulationsversuche. Denn die Linken versuchte „Sympathie unter den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt zu bekommen“, indem sie Themen wie „Mietensteigerung und Wohnraumknappheit (…) mit der Systemfrageverknüpften.

Dass der Verfassungsschutz im Jahr 2020 immer noch konsequent die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus ausblendet ist in meinen Augen ein Skandal. Klar sind sie vermutlich „mitgemeint“, wenn von „Mitgliedern“ oder „Angehörigen“ der rechten Szene die Rede ist, dennoch empfinde ich die Tatsache, dass weibliche Nazis nahezu vollständig ignoriert werden als sehr problematisch. Wer sich auch nur ein bisschen mit der Thematik beschäftigt, weiß, dass Frauen innerhalb der Szene mehrere wichtige Funktionen haben und erfüllen. Die rechtsextreme Frau ist keineswegs nur die Partnerin eines Nazis. Frauen übernehmen politische Mandate, treten aktiv auf Demonstrationen auf, agitieren in Bürger*innen-Initiativen, verschiedenen Vereinen und in Elternvertretungen von Schulen und Kitas. Die Amadeu Antonio Stiftung hat dazu eine sehr lesenswerte Broschüre veröffentlicht, die es hier als PDF gibt.

Aber was rege ich mich auf. Es ist der Bericht des Verfassungsschutzes. Eine Behörde, die sich schon in der Vergangenheit nicht dadurch hervorgetan hätte, die Gefahren, die von der extremen Rechten ausgehen, richtig einzuschätzen. Der aktuelle Bericht lässt vor allem im Kapitel über Linksextremismus erkennen, wie die Autor*innen bewerten. Im „Aktionsfeld Antifaschismus“ hebt der Bericht vor allem die „feministische Antifa Brandenburg“ hervor und ich musste herzlich lachen. Die genannte Gruppe hat es „mit einem gewaltverherrlichenden Posting“ in den Bericht geschafft, dass ich hier ungekürzt wiedergebe: „In Hinblick auf die Kommunal-, Europa- und Landtagswahlen in Brandenburg werden schon kräftig Pläne geschmiedet, wie wir der AfD in die Suppe spucken können. Und auch wenn es sich nicht verhindern lässt, dass ganz viele Idiot_innen die Partei wählen werden, sei eins gewiss: Wir werden sie zur Hölle jagen. Immer und überall!“ Ihr könnt da keine Gewaltverherrlichung erkennen? Ich auch nicht, aber der Verfassungsschutz ergänzt: „Am Ende des Textes waren als Drohung drei Messer abgebildet“. Kein Wunder, dass die deutschen Sicherheitsbehörden nicht müde werden zu betonen, dass Rechts- und Linksextremismus gleichermaßen gefährlich sei. Ich meine… MESSER-EMOJIS!!!

Dienstag, 8. September

Die südafrikanische Athletin Caster Semenya muss einen weiteren Rückschlag im Kampf um ihre Rechte hinnehmen. Das Schweizer Bundesgericht hat ihre Beschwerde gegen das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes Cas zurückgewiesen. Der zweimaligen 800-Meter-Olympiasiegerin soll also weiterhin untersagt bleiben, ihren Sport auf Wettkampfebene auszuüben. Der Leichtathletik Weltverband bezeichnet Caster Semenya als „biologisch männlichen Athleten mit weiblichen Geschlechtsidentitäten“. Ihr Testosteronwert ist aus Sicht des Verbandes zu hoch, um als Frau an den Rennen teilzunehmen.

Das Schweizer Gericht meint, diese Diskriminierung sei zulässig, da Caster Semenya einen „Vorteil“ gegenüber den anderen Athletinnen hätte und das wäre diesen gegenüber nicht fair. Sie dürfe nur dann an den Wettbewerben teilnehmen, wenn sie ihren Testosteronspiegel mit Medikamenten unter die erlaubte Höchstgrenze senkt. Dass diese Medikamente teilweise schwere Nebenwirkungen haben, interessiert den Weltverband offenbar nicht. Die angebliche Fairness im Wettbewerb bewertet der Verband höher, als die körperliche Unversehrtheit der Sportlerin.

Dass ein höherer Testosteronwert bei Athletinnen überhaupt einen sportlichen Vorteil bedeutet, ist keinesfalls wissenschaftlich belegt. Es ist letztlich nichts anderes als ekelhafte Misogynie, wenn Caster Semenya das Frau-sein abgesprochen wird. In den Augen vieler ist sie allein schon aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes zu „unweiblich“, um bei den Frauen zu starten. Im Messen der Testosteronwerte wurde eine pseudo-wissenschaftliche Methode gefunden, um Sportlerinnen, die nicht dem sexistischen Bild von Frauen entsprechen, auszuschließen. Der Leichtathletik-Weltverband maßt es sich an, zu entscheiden, wie viel Testosteron eine Frau im Blut haben darf, um als Frau anerkannt zu werden – dafür fehlen mir schlicht die Worte.

Caster Semenya ist eine der schnellsten Frauen der Welt, vielleicht hat ihr Hormonhaushalt damit zu tun, vielleicht nicht. Dass bestimmte körperliche Voraussetzungen zu einem sportlichen Vorteil führen können, steht ohnehin außer Frage, aber als Michael Phelps ungewöhnlich niedrige Laktatwerte diagnostiziert wurden, verlangte niemand von ihm, dass er sich medikamentös an den Durchschnitt der anderen Sportler anpassen sollte. Laktat (Milchsäure) sorgt für die Ermüdung von Athlet*innen, je niedriger der Wert, desto schneller erholen sich die Muskeln. Phelps Füße, die er selbst „Flossen“ nennt, verschaffen dem erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten (28 olympischen Medaillen, davon 23-mal Gold) einen zusätzlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, denn deren flexiblen Gelenke lassen sich „um etwa 15 Grad stärker beugen, als bei den meisten Schwimmern“. Phelps wird als Ausnahme-Athlet international gefeiert, während Caster Semenya nicht nur unwürdig behandelt, sondern auch vom Wettbewerb ausgeschlossen wird. Patriarchat ick hör die trapsen.

Leider gab es am Dienstag auch zwei Femizide, einer in Winsen (Niedersachsen), einer in Finsterwalde (Brandenburg). In beiden Fällen ist der Ehemann tatverdächtig.

Eine gute Nachricht gab es am Dienstag aber auch noch:

Die satirische Kolumne „All Cops are berufsunfähig“ von Hengameh Yaghoobifarah ist laut Presserat von der Meinungsfreiheit gedeckt. Der Text bezieht sich auf die Debatte um strukturelle Polizeigewalt, Rassismus und Rechtsextremismus bei der Polizei. „Als Teil der Exekutive“ muss sich die Polizei diese Kritik gefallen lassen, so der Presserat. Polizist*innen würden nicht in ihrer Menschenwürde verletzt, da sich Hengameh auf die gesamte Berufsgruppe bezieht und nicht auf einzelne Cops. YEAH!

https://twitter.com/fatma_morgana/status/1303324898086072325?s=20

Mittwoch, 9. September
Die Oscar Academy hat gekannt gegeben, dass ab 2024 nur noch diejenigen Produktionen eine Chance auf die Auszeichnung „Bester Film“ haben, die in den folgenden vier Bereichen vielfältig aufgestellt sind: vor der Kamera, in der Filmcrew, im Produktionsstudio und in den anderen Bereichen der Filmentwicklung und -veröffentlichung. Die Academy will damit der mangelnden Repräsentation von marginalisierten Gruppen entgegenwirken. Unterrepräsentiert im Filmbusiness sind u.a. Frauen, ethnische Minderheiten, Menschen mit Be_hinderung sowie LGBTQIs.

„Die Welt“ wittert „Identitätspolitik und ein inhaltliches Anbiedern an den Zeitgeist“. Und auf Twitter heulen die Rechten rum, weil es doch um „Qualität“ gehen müsse und nicht um „Quote“. Die alte Leier, die denen wohl nie langweilig wird.

Völlig ausgeblendet wird leider, dass es dem Engagement einer Schwarzen Frau zu verdanken ist, dass sich die Academy jetzt bewegt hat. April Reign kreierte bereits 2015 den Hashtag #OscarsSoWhite, der sich schnell zu einer Art sozialer Bewegung auf Twitter entwickelte. Die ehemalige Anwältin, die international als Rednerin und Inklusionsberaterin tätig ist, machte immer wieder darauf aufmerksam, dass die Academy selbst überwiegend weiß und männlich ist. 2015 waren 92 Prozent der Academy-Mitglieder weiß und 75 Prozent männlich. Heute ist die Zusammensetzung etwas diverser, im Januar lag der Anteil weißer Mitglieder bei 84 Prozent und der der Männer bei 68 Prozent.

Janelle Monáe thematisierte #OscarsSoWhite übrigens bei ihrer sensationellen Eröffnungsnummer der Verleihung 2020. Ihr könnt (solltet!) euch ihren Auftritt unbedingt ansehen (auch wegen Billy Porter als Elton John, Tom Hanks mit Melone und dem Gesangsversuch von Leonardo di Caprio).

Wenn ich nur noch ein Youtube-Video für den Rest meines Lebens ansehen dürfte, es wäre auf jeden Fall dieses!

Donnerstag, 10. September
Am Donnerstag feierte Alison Bechdel ihren 60. Geburtstag.  Die in Lock Hanson (Pennsylvania, USA) geborene Comic-Zeichnerin bereicherte die Welt 1985 mit dem nach ihr benannten „Bechdel Test“. Er tauchte erstmals in einem ihrer Comics aus der Reihe „Dykes to Watch Out For“ auf. Mit dem Bechdel-Test können auf simple Weise Geschlechterklischees in Filmen aufgedeckt werden. Durch drei einfache Fragen kann jeder Film hinsichtlich dessen Geschlechtergerechtigkeit überprüft werden.

1. Kommt im Film mehr als eine weiblich-gelesene Figur vor?

2. Unterhalten sich diese Figuren miteinander?

3. Sprechen sie über etwas anderes als Männer?

Wie viele Filme bei diesem simplen Test durchfallen und welche Fragen ich mir beim Anschauen von Filmen und Serien stelle, könnt ihr hier nachlesen.

Freitag, 11. September
In der „Bayerischen Staatszeitung“ ist ein wichtiger Beitrag über Hatespeech und rechte Hetze gegen Journalist*innen erschienen. Fast zwei Drittel der Medienschaffenden waren im letzten Jahr von Hassrede betroffen, 20 Prozent mehr als noch 2017. Das fand eine Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld heraus. „Knapp zwei Drittel aller Befragten (63,9 %) sind der Ansicht, dass Angriffe auf Medienschaffende durch politische Akteure in Deutschland insgesamt zunehmen. Sie benennen dabei als Aggressor explizit die AfD“, heißt es darin.

Der BR-Journalist Malcom Ohanwe kann die zentralen Aussagen der Studie aus eigener Erfahrung bestätigen. Medienschaffende, die einer Minderheit angehören, die mehrgewichtig oder trans sind, seien besonders stark von Angriffen betroffen. Sie erhielten Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen und von Kolleg*innen und Vorgesetzten häufig zu wenig Solidarität. Ohanwe erzählt: „Statt bei Angriffen Rückhalt zu bekommen, heißt es dann nur: Bitte entfernen Sie auf Ihrem Social-Media-Profil den Hinweis, dass Sie für uns arbeiten.“

Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin von HateAid, hat die Erfahrung gemacht, dass bei männlichen Journalisten nur 10 Prozent aller Hasskommentare strafrechtlich relevant sind, bei Journalistinnen seien es hingegen 90 Prozent. Sie beobachtet mit Sorge, dass vermehrt versucht würde, die Privatadressen oder die Schulen der Kinder herauszufinden. Sie rät allen Journalist*innen, die sich mit sogenannten „Triggerthemen“ (wie Klimawandel, Rechtsextremismus, Gleichstellung) beschäftigen, eine Auskunftssperre für ihre Meldedaten zu beantragen. Von Medienhäusern wünscht sie sich, dass unabhängige Ansprechpersonen in den Redaktionen eingerichtet werden. „Wenn eine junge Journalistin plötzlich gephotoshopte Nacktbilder von sich im Netz findet, möchte sie damit nicht unbedingt zum 60-jährigen Chef gehen“, sagte sie zur Bayerischen Staatszeitung.  

Samstag, 12. September
Sibylle Berg
hat in ihrer aktuellen Spiegelkolumne mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Die zentrale Aussage:

„Die Behauptung, der Mensch brauche Arbeit, ist das bekannteste und wirksamste Mittel der Angstverbreitung, um das Mysterium des Kapitalismus und der freien Märkte fraglos weiter hinzunehmen. Nun brauchen die meisten Menschen das Gebrauchtsein und die Kreativität. Ganz sicher braucht niemand ein Ausbeutungsverhältnis. In dem man seine Lebenszeit verkauft, um Erholungszeiten bitten muss und sich sein Leben lang in einer Angstschlaufe befindet.“

Sibylle Berg

Frau Berg spricht mir aus der Seele. Momentan vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht die Frage stelle, wie ich in einer Welt glücklich werden kann, in der Lohnarbeit das Wichtigste überhaupt zu sein scheint. Eine Welt, in der fremde Menschen im Internet nicht darauf klarkommen, dass eine 34-Jährige „noch“ Studentin ist und deshalb ihren Hass in die Kommentarspalten rotzen. Hier eine kleine Auswahl:

Versteht mich nicht falsch: Ich nehme das Ganze nicht persönlich, ich habe auch nur einmal kurz in die Kommentare geschaut, um die Screenshots zu machen, seitdem nie wieder. Mir ist auch völlig klar, was das für eine Klientel ist – Springer-Publikum, halt. Aber auch wenn es mich nicht verletzt, sorgt es doch dafür, dass ich verstärkt darüber nachdenke, warum der Hass der Deutschen, auf alle, die nicht lohnarbeiten, so ausgeprägt ist. Ich werde mich dem Thema bald in einem eigenen Blogbeitrag widmen, das würde jetzt hier den Rahmen sprengen.

Sonntag, 13. September
Anne Will hat während ihrer Sendung am Sonntagabend mit Isabel Schayani über die aktuellen Zustände im Flüchtlingslager Moria gesprochen. Diese rund zehn Minuten sind sehr wichtiges Fernsehen.

­„Warum behandelt ihr uns wie Tiere?“, fragen die Geflüchteten auf Lesbos und die WDR-Journalistin Schayani antwortet: „An der Stelle bin ich dann am Ende mit meinem Latein“.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Bert Kaesser

    Danke pfefferhasi, zeig’s den dummen Hatern und anderen Arschgeigen. Du machst eine sehr gute ARBEIT. Die ist wirklich wichtig in einer Zeit, in der die Dummheit die Oberhand zu gewinnen scheint.

    1. Ulla

      Danke für deine Unterstützung! Das bedeutet mir so viel <3

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