Kuck mal, wer da spricht
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Kuck mal, wer da spricht

Heute wird Alison Bechdel 60 Jahre alt. Die in Lock Hanson (Pennsylvania, USA) geborene Comic-Zeichnerin bereicherte die Welt 1985 mit dem nach ihr benannten „Bechdel Test“. Er tauchte erstmals in einem ihrer Comics aus der Reihe „Dykes to Watch Out For“ auf. (Hier könnt ihr euch die entsprechende Stelle im Comic anschauen.)

Mit dem Bechdel-Test können auf simple Weise Geschlechterklischees in Filmen aufgedeckt werden. Durch drei einfache Fragen kann jeder Film hinsichtlich dessen Geschlechtergerechtigkeit überprüft werden.

Diese drei Fragen sind:

1. Kommt im Film mehr als eine weiblich-gelesene Figur vor?

2. Unterhalten sich diese Figuren miteinander?

3. Sprechen sie über etwas anderes als Männer?

Es ist erstaunlich (oder beschämend?) wie viele Filme diesen Test nicht bestehen. Hier eine kleine Auswahl von Filmen, die durchgefallen sind:

  • Der Herr der Ringe (alle drei)
  • Avatar
  • The Social Network
  • Slumdog Millionaire
  • Momo
  • 500 Days of Summer
  • The Avengers
  • Toy Story 1 und 2
  • Harry Potter und der Feuerkelch
  • Star Wars (Original Trilogie)
  • Moonlight
  • Findet Nemo
  • Der Pate
  • Casablanca
  • La La Land

Es geht beim Bechdel-Test nicht darum, einen Film nach seiner Qualität zu bewerten. Es ist auch klar, dass er nicht auf alle Filme gleichermaßen passt. Ein Film, der ausschließlich in einem Männer-Gefängnis spielt oder im Schützengraben während des 1. Weltkriegs, kann natürlich gar nicht bestehen.

Es geht um Repräsentation. Und Gerechtigkeit.

Trotzdem ist der Bechdel-Test wichtig: Er zeigt etwas auf, was vielen Menschen komplett entgeht: Die mangelnde Repräsentation von Frauen bzw. weiblich gelesenen Figuren in Filmen und Serien. Der Anteil von weiblichen Charakteren mit Sprechrolle lag bei den Top100-Filmen von 2016 bei lediglich 31,4 Prozent.

Auch in deutschen Produktionen herrscht noch lange keine Parität. Eine Untersuchung der Universität Rostock von 2017 hat ergeben, dass zwei Drittel aller zentralen Personen auf Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden männlich sind. Die abgebildeten Frauen, sind überwiegend unter 30. Bis zu diesem Alter sind die Rollen einigermaßen gleich verteilt, in der Altersspanne 40 – 49 liegt der Männeranteil schon bei 66 Prozent, von 50 – 59 bei 76 Prozent und bei den über 60-Jährigen Figuren werden nur noch 20 Prozent weiblich gelesen.

Tiere, Pflanzen, Gegenstände – fast alle männlich

Noch krasser ist der Gap bei nicht menschlichen Figuren: 87 Prozent aller Tierfiguren im deutschen Kinderfernsehen sind männlich. Das bedeutet: auf eine weiblich gelesene Tierfigur kommen neun männliche. Und selbst bei Figuren, die weder Mensch noch Tier darstellen, sind 88 Prozent (bei Gegenständen und Pflanzen) bzw. 84 Prozent (Roboter und Maschinen) als männlich erkennbar.

Auch in Hollywood verändert sich diese Ungerechtigkeit nur langsam. Anhand der Sprechanteile lässt sich besonders gut darlegen, wie stark die männliche Dominanz in Filmen ausgeprägt ist. Hier eine Auswahl von Filmen, in denen 90 bis 100 Prozent der gesprochenen Worte von Männern bzw. männlich gelesenen Figuren stammen:

  • „Reservoir Dogs“ (1992)
  • „Bube, Dame, König, GrAs“ (1998)
  • „Die Abenteuer von Tim & Struppi“ (2011)
  • „Schindlers Liste“ (1993)
  • „Space Jam“ (1996)
  • „Grand Budapest Hotel“ (2014)
  • „Das Dschungelbuch“ (1967 / 2016)
  • „Snatch. Schweine & Diamanten“ (2000)
  • „Milk“ (2008)
  • „Die üblichen Verdächtigen“ (1995)
  • „O Brother, Where Art Thou?“ (2000)
  • „Die Monster AG“ (2001)
  • „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998)
  • „Spotlight“ (2015)
  • „The Big Lebowski“ (1998)
  • „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ (2002)

Hier könnt ihr die Anteile der Sprechrollen in rund 2.000 Filmen anschauen.

Bechdel weiterdenken

Die drei Fragen des Bechdel-Tests sind letztlich eine Anregung, die Filme, die wir sehen, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich habe über die Jahre viele weitere Fragen hinzugefügt, die ich mir beim Anschauen stelle, unter anderem diese hier:

Haben die weiblichen Figuren einen Namen?

Kommt eine mehrgewichtige Person vor? Wenn ja, bleibt das Gewicht der Person unkommentiert?

Sind nicht-weiße Figuren Teil der Handlung? Haben sie etwas zu sagen oder dienen sie nur der weißen Hauptfigur als Sidekick?

Werden Personen mit Be_hinderung gezeigt? Wenn ja, haben sie einen Namen?

Vielleicht fallen euch weitere Fragen ein, die man sich beim Filmschauen stellen kann? Ich freue mich über Kommentare dazu!

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

    1. Ulla

      Ja, die Änderungen der Oscar Academy habe ich mitbekommen! Das wird voraussichtlich auch im kommenden Wochenrückblick Thema sein 🙂

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