Nichts zu lachen
Hazel Brugger, Maren Kroymann und Thomas Spitzer beim Deutschen Comedypreis. (Illustration von mir)

Nichts zu lachen

Zwei trans Frauen wurden in den Bundestag gewählt, genauso wie die erste Schwarze Frau überhaupt. Beim Deutschen Comedypreis saß ein Elefant im Saal und R. Kelly wurde endlich verurteilt. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW39

Montag, 27. September

Die Bundestagswahlen sind vorbei und ich denke, es langweilt euch alle, wenn ich jetzt den Wahlausgang hier kommentiere. Also beschränke ich mich auf zwei Punkte, die ich auch eine Woche nach den Wahlen noch hervorhebenswert finde. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine Schwarze Frau Mitglied des Bundestags. Awet Tesfaiesus, Grünenpolitikerin aus Hessen, kam über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag. Im Interview mit dem Tagesspiegel sagte sie: „Ich bin die einzige Schwarze Frau im Bundestag, es wäre aber gut, wenn wir mehr wären. Ich würde mich gerne mit anderen politisch streiten können. Auch wir haben unterschiedliche Perspektiven.“

Und eine zweite Premiere gab es auch: Erstmals sind Personen Mitglied des Bundestags, die offen trans sind. Zwei trans Frauen haben es über die Landeslisten der Grünen ins Parlament geschafft: Nyke Slawik (NRW) und Tessa Ganserer (Bayern). Es ist ein echter Meilenstein und trägt hoffentlich zu mehr Akzeptanz und rechtlicher Gleichstellung von trans Menschen in Deutschland bei. Dass Repräsentation nicht alles ist, ist klar. Genauso wie wir nicht vergessen dürfen, dass insbesondere mehrfach marginalisierte trans Personen, Schwarze und trans Personen of Color, sexarbeitende, arme trans Personen und trans Personen mit Behinderung unsere Anerkennung und unsere Unterstützung brauchen. Richtig wütend gemacht haben mich diese Woche die Leute, die die Meldung über die ersten trans Parlamentarierinnen mit pseudo „toleranten“ Worten kommentierten wie „das ist doch 2021 nichts besonderes mehr, Mensch ist Mensch“ oder so ähnlich. Denn es IST etwas besonderes und in Deutschland sind trans Menschen eben noch nicht gleichberechtigt, wie das sogenannte Transsexuellengesetz (TSG) beweist. Der enorme Hass, der Nyke Slawik und Tessa Ganserer in den Sozialen Medien entgegenschlug, zeugt außerdem davon, wie wenig Akzeptanz trans Personen wirklich erfahren. Insbesondere „Radikalfeministinnen“ hetzten gegen die beiden Abgeordneten und behaupteten, es handle sich um Männer, die über „Frauenplätze“ in den Bundestag eingezogen seien. Auf Facebook und Instagram kursierte eine Textvorlage, um Anzeige wegen Betrugs gegen Tessa Ganserer zu stellen. Transfeindlichkeit und Transmisogynie sind real und Deutschland ist längst nicht so offen und tolerant, wie es manche behaupten.

Auch am Montag

R. Kelly wurde schuldig gesprochen. Dem R’n’B-Sänger wurde jahrzehntelange sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder zur Last gelegt. Die Jury hat ihn nun in allen neun Anklagepunkten schuldig gesprochen. Dass der 54-Jährige so lange unbehelligt blieb, liegt auch daran, dass seine Opfer überwiegend Schwarze Mädchen und Frauen waren. Ich habe dazu anlässlich des Prozessauftakts in KW33 etwas geschrieben.

Dienstag, 28. September

Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO sollen im Rahmen ihres Einsatzes während der Ebola-Epidemie in der DR Kongo zwischen 2018 und 2020 sexualisierte Gewalttaten begangen haben. Der Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission im Auftrag der WHO, der am Dienstag vorgestellt wurde, geht von mindestens 63 Frauen und zwölf Männern aus, die Opfer der sexualisierten Gewalt wurden. Tatverdächtig sind 83 Männer – darunter nachweislich 21 Mitarbeiter der WHO, darunter Ärzte und leitende Angestellte. Malick Coulibaly, Menschenrechtsexperte und früherer Justizminister von Mali, erklärte bei der Vorstellung des Berichts: „Einige Fälle sexueller Ausbeutung und Missbrauchs wurden innerhalb eines Netzwerks von Mitarbeitern organisiert (…) Den Opfern wurden als Gegenleistung für Sex Jobs versprochen, die sie in den meisten Fällen nicht bekommen haben. Andere Frauen sagten uns, sie seien als Angestellte von Vorgesetzten sexuell belästigt worden. Manche sagten, sie seien entlassen worden, weil sie Sex verweigert hatten.“

Mittwoch, 29. September

Am Mittwoch ist Berlins Landeswahlleiterin Petra Michaelis zurückgetreten. Sie übernahm die Verantwortung für das peinliche Chaos am Wahltag in der Hauptstadt. In vielen Wahllokalen konnte erst nach stundenlanger Wartezeit gewählt werden, wenn überhaupt: Einige Wahllokale hatten zwischenzeitlich keine Stimmzettel mehr vorrätig. Während die Opposition das Debakel für Angriffe auf die rot-rot-grüne Regierung nutzt, interessierte mich eine andere Meldung im Nachgang der Wahl deutlich mehr: In Bergheim wurde einer 21-Jährigen und ihrer Freundin die Stimmabgabe verweigert, weil sie ein Kopftuch trugen. Den Frauen wurde mitgeteilt, sie sei wegen ihres Kopftuchs und dem Mund-Nasen-Schutz nicht eindeutig identifizierbar und verstießen so gegen das Verschleierungsverbot. Der Fall bekam Aufmerksamkeit, weil die 21-Jährige in den Sozialen Netzwerken darüber sprach. Ich frage mich, wie vielen Frauen mit Kopftuch das Wählen verboten wurde, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Donnerstag, 30. September

Der Mörder von Sarah Everard bekommt die Höchststrafe. Der 48-jährige Polizist muss bis zum Tod im Gefängnis bleiben. Der Täter, der zweifache Vater Wayne Couzens, lauerte Sarah Everard am Abend des 3. März in London auf. Er täuschte eine Verhaftung vor und entführte die 33-Jährige, vergewaltigte und ermordete sie, bevor er ihre Leiche zunächst zu verbrennen versuchte, bevor er sie in einen Teich warf. Das Gericht ist überzeugt, dass Couzens seine Tat lange im Voraus plante und bereits zwei Monate vorher nach geeigneten Orten für eine Entführung suchte. Im Internet bestellte er Teppichkleberollen und Gummibänder. Dass ein Polizist zum Mörder wird, ist kein Einzelfall. In den vergangenen 12 Jahren wurden mindestens 15 Frauen von britischen Polizeibeamten getötet. In den Jahren 2019 und 2020 wurden allein in London 160 Fälle aktenkundig, in denen Polizisten ihre Stellung missbraucht haben, um Frauen zu belästigen.

Freitag, 1. Oktober

Bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises in Köln stand ein „Elefant im Saal“, wie es Hazel Brugger ausdrückte. Der Elefant heißt Luke und ist der Comedian, dem von mehreren Frauen sexualisierte Gewalt und Belästigung vorgeworfen werden. Ursprünglich war der Elefant selbst für den Comedypreis nominiert, doch die Veranstaltenden hatten die Normierung am Donnerstag zurückgezogen. In einem Statement wurde erklärt: „Aufgrund der öffentlich geführten Diskussionen sind das Cologne Comedy Festival, Sat.1, Netflix, Brainpool Pictures und Luke Mockridge als Co-Produzent übereingekommen, dass die Produktion ‚ÜberWeihnachten‘ von der Nominierungsliste des deutschen Comedypreises 2021 genommen wird.“ Damit wolle man „die Beteiligten aus Cast und Crew“ schützen, hieß es. Bis vor kurzem klang das noch ganz anders. Sat1 hatte die Forderung nach #KonsequenzenFürLuke noch als und „moderne Form der Lynchjustiz“ bezeichnet und dem mutmaßlichen Täter eine neue Show angeboten. Als letzte Woche dann aber ein sauber recherchierter Artikel im Spiegel erschien, ruderte der Sender offenbar zurück. Auch wenn es bislang kein offizielles Statement von Sat1 gibt, die angekündigte Sendung im nächsten Jahr wird Luke nun doch nicht moderieren. Aber zurück zum Comedypreis. Comedienne Hazel Brugger und ihr Mann Thomas Spitzer trugen T-Shirts auf denen vorn „Konsequenzen für Comedian XY“ und hinten „Künstler ohne Rückgrat sind Künstler ohne Geschmack“ stand. Die beiden bilden mit dieser klaren Positionierung in der Kölner Entertainmentszene eine absolute Ausnahme. Thomas Spitzer hatte nach Erscheinen des Spiegel-Artikels in einem Podcast seine Sicht auf den Fall deutlich gemacht. Er sagte darin: „Kein Einziger aus der Kölner Entertainment-Szene hat sich dazu geäußert, was ich seltsam fand, weil meiner Meinung nach alle wissen, was da passiert ist und eigentlich die meisten Leute ’ne sehr klare Meinung dazu haben müssten, weil es sehr viele Geschichten über Comedian XY gibt, die natürlich nicht alle wahr sein müssen“. Thomas Spitzer erklärte, er habe keinen Grund, Ines Anioli nicht zu glauben. Für Spitzer ist die ganze Sache „nicht nur ‚ne Straftat oder irgendein Belästigungsfall, sondern (…) ein Medienskandal (…), weil es geht nicht nur darum, was diese Person konkret gemacht hat, sondern es geht auch darum, was Produktionsfirmen und TV-Sender und Agenten und Manager und diese ganzen Idioten, die rumspringen (…) gemacht haben, um zu vertuschen, was dieser eine Comedian XY verbrochen hat.“

Deutliche Worte fand auch die Schauspielerin Maren Kroymann, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Statt der üblichen Dankesrede sprach die 72-Jährige über den Elefanten. Sie richtete sich direkt an Veranstaltenden der Comedypreis-Verleihung und sagte: „Ich hätte gerne gehabt, dass Verantwortliche für diesen Preis – und auch von dem Sender – die Eier gehabt hätten, zu sagen: Wir solidarisieren uns nicht nur mit unserem beliebten Künstler, sondern mit den Frauen, die betroffen sind.“ Ihre komplette Rede könnt ihr hier hören:

Aber wer glaubt, der Wind hätte sich nun endlich gedreht und Opfern sexualisierter Gewalt würde nun endlich geglaubt, der irrt natürlich. Noch während Maren Kroymann sprach, soll Oliver Pocher (der sich schon zuvor mit Luke solidarisiert hatte) die Rede gestört haben, in dem er eine Flasche fallen ließ und sich dafür lauthals „entschuldigte“. Im Nachgang teilte Pocher auf Instagram ein Statement vom Schauspieler Tom Gerhard, der sich über Maren Kroymanns Rede beschwerte und diese mit „öffentlichen Schauprozessen“ einer „gewissen Zeit“ vergleicht und als „Schweinerei“ bezeichnet. Pochers Ehefrau Amira, die einzige nominierte Frau in der Kategorie „Bester Comedy Podcast“ war bei der Verleihung übrigens nicht anwesend, weil sie zu Hause die Kinder hütete.

Samstag, 2. Oktober

In Washington haben am Samstag mehrere Tausend Menschen für das Recht auf Abtreibung demonstriert. Die Demonstrant*innen zogen durch die US-Hauptstadt zum Gebäude des Supreme Courts wo am Montag über das Thema beraten wird. Nachdem der Bundesstaat Texas vor rund einem Monat ein Gesetz erlassen hat, das Schwangerschaftsabbrüche ab der sechsten Woche ausnahmslos verbietet. Die US-Regierung hatte gegen dieses Gesetz geklagt, doch der Supreme Court hatte dies zunächst aus verfahrensrechtlichen Gründen abgelehnt. Nun will sich das Oberste Gericht am Montag damit beschäftigen, ob das grundsätzliche Recht auf Schwangerschaftsabbruch, das mit dem Grundsatzurteil „Roe v. Wade“ 1973 verankert wurde, bestehen bleibt. Es steht viel auf dem Spiel für ungewollt Schwangere in den USA.

Auch am Samstag

Die Staatsanwaltschaft in Lüneburg ermittelt gegen neun Bundeswehrreservisten, die Anschläge auf Migrant*innen geplant haben sollen. Angeführt von einem Oberstleutnant der Reserve sollen die Männer eine bewaffnete Gruppe gegründet haben. Anfang September habe es deshalb Razzien bei den Verdächtigen gegeben, bei denen „Waffen, Munition und Schriften rechtsextremen Inhalts sichergestellt worden seien“, meldet der Deutschlandfunk. Der wievielte Einzelfall ist das jetzt? Hat jemand mitgezählt?

Sonntag, 3. Oktober

Der heutige Tag der Deutschen Einheit ist mir ziemlich wurscht, um ehrlich zu sein. Ich denke bei Feiertagen, die auf einen Sonntag fallen, immer daran, dass in Großbritannien die arbeitsfreien Feiertage, die auf einen Samstag oder Sonntag fallen, in der Regel einen freien Montag nach sich ziehen. Gut, wa?! In Deutschland haben wir bekanntlich ganz andere Probleme. Nazis zum Beispiel. Aber darüber will am schwarzrotgoldensten aller Tage erst recht niemand reden.

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