Keine Konsequenzen
Volle Solidarität mit Jasmina Kuhnke und allen anderen Betroffenen rechter Gewalt. Illustration von mir.

Keine Konsequenzen

Jasmina Kuhnke wird von Nazis und bürgerlichen Journalist*innen bedroht, Der Sender Sat1 macht Betroffenen sexueller Gewalt klar, auf welcher Seite er steht und ich hab was Positives über Hertha BSC zu sagen. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW14

Montag, 5. April

Am Montag habe ich einen neuen Blogartikel veröffentlicht. Es geht um die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie und warum ich sie nicht mehr unterstütze. Ihr könnt den Artikel hier lesen.

Sonst war nämlich auch nicht so viel los am Ostermontag.

Dienstag, 6. April

Am Dienstag traten die ersten Rekrut*innen ihren „Freiwilligendienst im Heimatschutz“ an. Dieses Programm der Bundeswehr soll den Nachwuchs liefern, der seit dem Aussetzen der Wehrpflicht offensichtlich fehlt. Das „Jahr für Deutschland“ wird zusätzlich zum bestehenden Wehrdienst, der ebenfalls freiwillig ist, angeboten und soll diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen anlocken, für die der Wehrdienst wegen eines möglichen Auslandseinsatzes zu krass erscheint. Der neugeschaffene Freiwilligendienst ist aber ausdrücklich für Menschen jeden Alters offen und beinhaltet eine dreimonatige militärische Grundausbildung. Die Bundeswehr wirbt mit dem „Einsatz mit den Handwaffen Pistole P8, Maschinengewehr MG 3, Panzerfaust“ und ich kann mir richtig vorstellen, wer sich davon angesprochen fühlt. Hust(Nazis)Hust. Für den „Bundesfreiwilligendienst“ (der das Freiwillige Soziale Jahr ersetzt hat) erhält man monatlich maximal 414 Euro, für das Freiwillige Ökologische Jahr gibt es ein Taschengeld von 180 Euro monatlich (460 Euro, wenn Unterkunft und Verpflegung nicht gestellt werden). Für das „Jahr für Deutschland“ erhalten die Rekrut*innen ca. 1.400 Euro netto. Fair ist anders.

Mittwoch, 7. April

Sat1 hat auf die Vorwürfe gegen ihren Goldjungen Luke Mockridge reagiert.

Lasst mich kurz die Vorgeschichte für euch zusammenfassen, bevor ich mich mit diesem unsäglichen Statement befasse. Bereits 2019 hat Ines Anioli in einem Podcast über psychische und sexuelle Gewalt gesprochen, die sie in ihrer Beziehung erlebt hat. Sie hat nie öffentlich den Namen des Täters genannt, allerdings in ihrer Instagramstory bestätigt, dass es sich um die Person handelt, von der alle ausgehen. Viele kamen ohnehin von selbst darauf, dass es sich um ihren Ex-Freund Luke Mockridge handelt, Ines Anioli hat das bis heute nicht dementiert. Zuletzt hat sie im NDR-Podcast „Danke, gut“ mit Miriam Davoudvandi über die traumatischen Erfahrungen gesprochen. Ende März äußerte Ines Anioli in ihrer Instagram-Story den Wunsch nach einem deutschen „MeToo“, in einem Post benennt sie ihre Erfahrungen konkret: „Sexuelle Übergriffigkeit, Missbrauch, psychische und physische Gewalt, Gaslighting, Manipulation, Machtmissbrauch“. Ein offener Brief einer anderen Instagramnutzerin mit der Bitte um eine Stellungnahme von Sat1, dem Sender, bei dem Luke Mockridge hauptsächlich auftritt, blieb zunächst unbeantwortet, bis immer mehr Menschen unter dem Hashtag #KonsequenzenFuerLuke virtuellen Druck ausübten. Inzwischen sollen zudem andere Frauen die Vorwürfe gegen Mockridge bestätigt haben, weil sie ähnliches erlebten.

Was dann folgte, könnt ihr oben lesen. Es ist eine absolute Frechheit, wie Sat1 mit den Vorwürfen umgeht. Ein „Statement“ wie dieses, trägt dazu bei, dass sich Betroffene sexualisierter Gewalt nicht trauen, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen. Dass Sat1 gar von Lynchjustiz spricht, also einen historisch extrem belasteten Begriff in die Debatte einfließen lässt, schießt den Vogel ab. Es macht mich so wütend, dass der Sender das Narrativ der karrierezerstörenden Lügnerin reproduziert, die mit Falschbeschuldigungen nur Aufmerksamkeit will.

Wie viele Frauen kennt ihr, die einen nennenswerten Vorteil davon hatte, öffentlich über sexuelle Gewalt zu sprechen? Egal ob „erfunden“ oder nicht?

Also ich kenne keine(!) einzige.

Wie viele Männer kennt ihr hingegen, denen (sexuelle) Gewalt gegen Frauen vorgeworfen oder sogar nachgewiesen wurde, die dadurch aber kaum Schaden genommen haben?

Ich kenne eine ganze Menge: Roman Polanski, Woody Allen, Christiano Ronaldo, DMX, Kobe Bryant, Joe Biden, Sylvester Stallone, Ben Affleck, Jerome Boateng. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Es ist an der Zeit, dass wir den Opfern glauben, wenn sie den Mut haben, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Es ist keine Vorverurteilung des mutmaßlichen Täters, wenn wir den Betroffenen Glauben schenken, es bedeutet nur, dass wir nicht das Opfer der Lüge bezichtigen. Bei keinem anderen Verbrechen werden die Aussagen der Opfer dermaßen in Zweifel gezogen wie bei sexueller Gewalt. Für einen Mann ist es statistisch gesehen wahrscheinlicher, selbst Opfer einer Vergewaltigung zu werden, als fälschlich(!) beschuldigt zu werden. Lasst das mal sacken.

Auch am Mittwoch

Der US-Bundesstaat Arkansas hat ein Gesetz beschlossen, das geschlechtsangleichende Maßnahmen für trans Jugendliche verbietet. Demnach ist es Ärzt*innen untersagt, Jugendliche mit Hormonen oder sogenannten „Pubertätsblockern“ zu behandeln. Jugendlichen soll so das „Experimentieren“ verboten werden – eine extrem transfeindliche Formulierung, die die Realität verkennt, trans Menschen ihr Geschlecht abspricht und dazu beiträgt, das trans Sein als „Phase“ abzutun. Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU will gegen das Gesetz klagen. Arkansas ist nicht der einzige Bundesstaat, der sich auf transfeindlichem Kurs befindet. In 20 US-Bundesstaaten versuchen konservative Politiker*innen die Behandlungen von trans Jugendlichen einzuschränken oder ganz zu verbieten. „Diese Bemühungen werden von nationalen rechtskonservativen Organisationen vorangetrieben, die versuchen, durch das Säen von Angst und Hass politisch zu punkten“, sagt Alphonso David, Präsident der Human Rights Campaign. Auch die Vereinigung der Kinderärzt*innen der USA spricht sich gegen die Beschränkungen aus: „Wir empfehlen, dass Jugendliche, die sich als Transgender identifizieren, Zugang zu umfassender, geschlechtergerechter und entwicklungsgerechter Gesundheitsversorgung haben, die in einer sicheren und inklusiven klinischen Umgebung angeboten wird.“

Donnerstag, 8. April

Der 8. April ist Internationaler Roma Day, also der Tag an dem 50 Jahre Emanzipationsbewegung der Rom*nja gefeiert wird. Anlass ist der Tag des Ersten Welt-Roma-Kongresses, der am 8. April 1971 in Orpington bei London stattfand. Die Minderheit der Sinti*zze und Rom*nja wird auch in Deutschland immer noch stark diskriminiert. Der Genozid an den Sinti*zze und Rom*nja, dem in Europa zwischen zwischen 220.000 und 500.000 Menschen zum Opfer fielen, ging als „Porajmos“ in das kollektive Gedächtnis ein. Von den rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti*zze und Rom*nja ermordeten die Nazis mehr als 25.000. Die Anerkennung dieses Völkermords wurde in Deutschland lange verweigert. Ein offizielles Denkmal wurde erst 2012 errichtet und ist nun in Gefahr, weil eine S-Bahntrasse gebaut werden soll. Die S-Bahn Berlin ist eine Tochter der Deutschen Bahn, die wiederum die Nachfolgeorganisation der Reichsbahn ist, die ihr Geld mit Transporten in die KZs verdiente. Das Denkmal muss unbedingt unangetastet bleiben.

Bitte unterschreibt die Petition: Das Denkmal muss bleiben!

Auch am Donnerstag

Ich habe ja selten was Positives über Hertha BSC zu sagen, aber der konsequente Rauswurf des Torwarttrainers Zsolt Petry verdient Anerkennung. Petry hatte Anfang der Woche im Interview mit einer ungarischen Zeitung die europäische Migrationspolitik als „Ausdruck des moralischen Verfalls“ bezeichnet und sich außerdem abfällig über Homosexualität geäußert. Der Verein hat ihn darauf hin entlassen. Gut so!

Freitag, 9. April

Jasmina Kuhnke engagiert sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Immer wieder wurde sie deshalb zur Zielscheibe von Nazis. Doch es sind längst nicht nur Rechtsextreme, die Jasmina angreifen, es sind auch zahlreiche bürgerliche Konservative, denen es nicht passt, dass sich die Schwarze Deutsche immer wieder laut und deutlich positioniert. Immer wieder erhielt Jasmina Kuhnke Morddrohungen. Nachdem ihre Adresse und ein Foto des Wohnhauses der Familie im Internet veröffentlicht wurde, entschied sich Jasmina mit ihrer sechsköpfigen Familie umzuziehen. Die Polizei war keine Hilfe, bot keinen Schutz. Die Familie engagierte einen privaten Sicherheitsdienst, um sich zu schützen. Die Kosten dafür, genauso wie für den Umzug und die Anwält*innen muss sie alleine tragen.

Die Angriffe von rechtskonservativen bis liberalen Journalist*innen zeigen den gefährlichen Schulterschluss zwischen den politisch rechten Lagern. Insbesondere Springers WELT ist vorne mit dabei, aber auch der Tagesspiegel hatte seinen Anteil mit einem Artikel in dem das antirassistische Engagement der vierfachen Mutter als “Geschäftsmodell” bezeichnet wurde.

Mit Hashtags wie #quattromob oder #HaltDieFresseJasmina wurde immer wieder versucht Jasmina Kuhnke zum Schweigen zu bringen. Dass diese teilweise auf Twitter trendeten liegt auch daran, dass viele bürgerliche Journalist*innen diese retweeteten. Auch jetzt, nachdem die reale Gefahr öffentlich gemacht wurde, der Familie Kuhnke ausgesetzt ist, leugnen oder relativieren einige ihre Mitschuld daran.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat eine Spendenkampagne gestartet, um die Familie finanziell zu unterstützen. Das Fundingziel von 50.000 € war dank breiter Solidarität schnell erreicht.

Doch leider ist Jasmina Kuhnke nicht die einzige Betroffene von rechtem Hass im Netz. Es gibt so viele Sheroes, die unsere Solidarität und Unterstützung brauchen. Daher werden weiter Spenden gesammelt.

Der Sheroes Fund der Amadeu Antonio Stiftung unterstützt Menschen, die sich (online und offline) gegen Rassismus, Antisemitismus, Transfeindlichkeit, Antifeminismus und andere Formen des Hasses einsetzen und deshalb von rechter Gewalt bedroht sind.

Bitte unterstützt den Sheroes-Fund, wenn ihr könnt!

Am Abend dann DAS im Literarischen Quartett:

Der Typ (Marko Martin, kannte ich auch nicht) sagt halt einfach „Es gibt kein Blut in deutschen Gassen, weil die deutschen Juden wurden ermordet in Teilen Osteuropas und sind in Rauch aufgegangen.“ WAS?! Weder Dörte Hansen oder Moritz von Uslar noch Moderatorin Thea Dorn widerspricht. Ganz normaler Abend im ZDF. Ich wünschte Marcel Reich-Ranicki würde sich aus dem Grabe erheben und mitten auf den hässlichen auberginefarbenen Teppich kotzen.

Samstag, 10. April

Gute Überleitung zum AfD-Parteitag in Dresden. Dieser stand unter dem Motto: „Deutschland. Aber normal“. Was sich diese Partei unter „normal“ vorstellt, ist bekannt: Familien nur Vater, Mutter, Kind(er), alle weiß klar, Deutschlandlied mit allen Strophen und irgendwas mit Schweineschnitzel und Spargel. Inhaltlich gab es sonst auch nichts zu berichten, außer, dass die Partei mit der Forderung eines EU-Austritts in den Wahlkampf zieht.

Sonntag, 11. April

Zum Ende der Woche kann ich euch nur noch bitten: Tragt eure Masken, haltet Abstand, vermeidet unnötige Kontakte. Die Auslastung der Intensivstationen ist auf dem Höchststand seit Beginn der Pandemie. Passt auf euch und einander auf.

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