Das Patriarchat stürzt sich nicht selbst
Jutta Allmendinger, Soziologin und eine der klügsten, die wir haben. (Illustration, Foto und Collage von mir.)

Das Patriarchat stürzt sich nicht selbst

Während Chilé eine neue Verfassung erkämpft hat und Polen hoffentlich den Sturz der Regierung herbeiführt, fordert Franziska Giffey die Abschaffung des Ehegattensplittings und ich frage mich, warum alle Welt um einen misogynen Schotten trauert. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW44

Montag, 26. Oktober
Die Chileninnen und Chilenen haben mit großer Mehrheit für eine neue Verfassung gestimmt. Rund 78 Prozent votierten dafür, dass die aktuell gültige Verfassung ersetzt werden soll. Diese stammt noch aus der Zeit der Pinochet-Diktatur (1973-1990). Außerdem stimmten 79 Prozent dafür, dass die verfassungsgebende Versammlung zur Hälfte mit Frauen besetzt sein muss.

Ermöglicht wurde das Referendum durch das Engagement zahlreicher Bürger*innenbewegungen. Ziele der Aktivist*innen sind u.a. Grundrecht auf Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit und Trinkwasser sowie die Anerkennung der indigenen Völker

„Wir sind glücklich, heute haben wir Geschichte geschrieben“, zitiert die Tagesschau eine Frau. „Heute hat Chile entschieden, ein neues Land zu werden. Darauf haben wir so lange gewartet!“ Insbesondere den chilenischen Frauen ist die Aussicht auf soziale Reformen und mehr Gleichberechtigung zu verdanken. Die Forderung: „Schluss mit dem Patriarchat und allem, was damit verbunden ist – Neoliberalismus, Ausbeutung, Zerstörung der Natur, privater und staatlicher Gewalt.“

Dienstag, 27. Oktober
Eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen hat der US-Senat der Berufung von Amy Coney Barrett an den Obersten Gerichtshof zugestimmt. 52 Republikaner*innen stimmten dafür, eine dagegen. Mit den 47 Gegenstimmen der Demokrat*innen hieß es am Ende 52:48 für die erzkonservative Christin. Trump hatte die Ernennung unbedingt vor der Wahl durchdrücken wollen, auch um bei möglichen Gerichtsverfahren zur Stimmauszählung den Supreme Court auf seiner Seite zu wissen. Für die USA bricht mit der Berufung Barretts möglicherweise ein dunkles Zeitalter an. Reproduktive Rechte und die gleichgeschlechtliche Ehe sind ebenso in Gefahr wie „Obamacare“.

Amy Coney Barrett betonte zwar ihre Unabhängigkeit, jedoch erscheint Skepsis daran durchaus angebracht. Barrett ist Mitglied der Glaubensgemeinschaft „People of Praise“, eine christliche Sekte, die streng patriarchal organisiert ist, die außerehelichen Sex, Abtreibung und Homosexualität strikt ablehnt. „Zu ihren Praktiken gehören etwa Zungenrede, Heilungsgottesdienste und die Lobpreismusik. Das sind Menschen, die ihren Glauben intensiv jeden Tag leben wollen und nicht nur einmal am Sonntag in die Kirche gehen“, sagt der Religions-Journalist Michael O’Loughlin, „ehemalige Mitglieder beklagen, dort werde sehr viel Kontrolle ausgeübt, vor allem von Männern über Frauen.“

Nochmal Dienstag
Es vergeht kein Wochenrückblick ohne Femizid. In Bremen, Stadtteil Vegesack, soll ein 24-jähriger Mann seine 25-jährige Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung erstochen haben. Laut Polizei steht er unter dringendem Tatverdacht.

Mittwoch, 28. Oktober
„Ich rufe PiS-Mitglieder und alle unsere Unterstützer auf, an der Verteidigung der Kirche, die angegriffen wird, teilzunehmen. Sie wird nicht zufällig attackiert. Es gibt Elemente der Vorbereitung, der Schulung. Dieser Angriff soll Polen vernichten“, erklärte PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski. Das Statement zeigt: die faschistoide Regierung hat Angst – und das zurecht: Seit Tagen kommt es zu Massenprotesten von Pol*innen gegen das de-facto Abtreibungsverbot sowie zu kleineren dezentralen Aktionen. Inzwischen fordern die Protestierenden nicht nur die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen („safe, free, legal“), sondern den Sturz der Regierung. Unter dem Motto „strajk kobiet“ („Frauenstreik“) kommt es landesweit zu Demonstrationen.

Nochmal Mittwoch
Franziska Schutzbach ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin und hat im Interview mit Ze.tt über Männlichkeit und Corona gesprochen. Eine repräsentative Studie des National Bureau of Economic Research hat 21.000 Menschen aus acht Industrieländern (u.a. Deutschland und Frankreich) zu ihren Einstellungen hinsichtlich der Corona-Pandemie befragt. Ein Ergebnis: 49 Prozent der Männer halten Covid-19 für schwerwiegend, bei den Frauen sind es 59 Prozent. Franziska Schutzbach zufolge könnte das daran liegen, dass Männer die eigene Verletzlichkeit immer noch stark ausblendeten: „Für viele Männer ist Krankheit ein Problem, weil sie Krankheit mit Schwäche gleichsetzen – das passt nicht in ihr Selbstbild der Unverwundbarkeit.“ Aber auch die Bereitschaft, andere zu schützen, ist bei Männern geringer ausgeprägt als bei Frauen. „Rücksichtnahme und Empathie haben in der männlichen Sozialisation weniger Bedeutung“, sagt Schutzbach. Männer würden sich zudem häufiger als „skeptisch“ bezeichnen und damit ihre Autonomie bzw. Überlegenheit ausdrücken.

„Besserwissen ist eine verbreitete männliche Strategie gegen Ohnmacht. In Deutschland haben wir momentan gefühlt eine Million selbst ernannte Virologen, die etwa Christian Drosten als vollkommen unfähig betrachten. Männer halten sich auch in nicht krisenhaften Situationen oft für die besseren Experten, ob beim Fußball, in Meetings oder beim Autofahren: Sie wissen es besser als der Nationaltrainer, der Chef oder alle anderen Verkehrsteilnehmer.“

Franziska Schutzbach, Soziologin und Geschlechterforscherin

Die Studie befragte ausschließlich Menschen in eher reichen Ländern. Insofern könnten die Ergebnisse auch Auskunft über die Privilegiertheit der Teilnehmenden geben: „Für manche Männer ist es wohl wirklich das erste Mal, dass ihre Bedürfnisse so direkt eingeschränkt werden: Stadionbesuche, Reisen, Kartenspielen in der Kneipe. All das klingt eigentlich ja verschmerzbar, aber für Menschen, die sonst wenig Einschränkung erleben, ist schon das Tragen einer Maske eine krasse Erfahrung.“

Donnerstag, 29. Oktober
Wer in Deutschland sexuell belästigt oder vergewaltigt, hat gute Chancen, damit ungestraft davon zu kommen. Im Bundesdurchschnitt werden 66 Prozent der Strafverfahren eingestellt. Nur etwa jedes zehnte Sexualdelikt endet mit einem Strafurteil. Fachleute gehen davon aus, dass die Dunkelziffer, also die nicht-angezeigten Straftaten, etwa fünf Mal so hoch ist. „Die Täter haben ein extrem niedriges Risiko, zur Verantwortung gezogen zu werden. Wir haben eine Situation, die eines Rechtsstaats nicht würdig ist“, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer.

Nochmal Donnerstag
Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung
, war bei Maybritt Illner zu Gast, um für das von ihm mitgezeichnete „umstrittene“ (schwachsinnige) Strategiepapier zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu werben. Spoiler: Es ist ihm nicht gelungen. Ich erwähne ihn hier auch nur, weil er in der Talkrunde ein Musterbeispiel der unangenehmsten Form des Mansplaining geliefert hat. Als er zunehmend ins Schlingern geriet, weil er selbst einfachste Fragen zur „alternativen“ Strategie seiner Truppe nicht beantworten konnte, erklärte er: „Ich bin hier der einzige Arzt“ in der Runde (Minute 20:54). Gassen ist Orthopäde und seine Gesprächspartner*innen waren u.a. Dr. med Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, und Prof. Dr. Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Warum Andreas Gassen sich für kompetenter als die anwesenden Fachfrauen hält, kann ich nur ferndiagnostizieren: Ich tippe auf chronisches Chauvinisten-Syndrom.

https://twitter.com/julejopa/status/1321535324661649410?s=20

Und Donnerstag zum Dritten
Ich habe am Donnerstagabend an einer Kundgebung am Brandenburger Tor in Solidarität mit den Protesten in Polen teilgenommen. Laut Veranstalter*innen waren rund 1.000 Menschen auf dem Pariser Platz zusammengekommen. Die Menge skandierte „Jebać PiS“ („Fick Dich, PiS“) und und „Wypierdalać“ („Verpisst euch“) und verbreitete insgesamt eine gleichermaßen kämpferische wie optimistische Stimmung. Die Kundgebung fand im Rahmen der „Blutigen Woche“ statt, organisiert von Dziewuchy Berlin. Wir können nicht einfach herumsitzen und ignorieren, was in unserem Nachbarland passiert. Zwischen Berlin und Warschau liegen gerade einmal 570km. Berlin und Köln sind weiter voneinander entfernt!

Ich habe jedenfalls immer noch einen Ohrwurm:

Freitag, 30. Oktober
Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey fordert in einem Gastbeitrag in der Wirtschaftswoche die Abschaffung des Ehegattensplittings. Es sei nicht mehr zeitgemäß und führe nachweislich dazu, dass Frauen ihre Erwerbsarbeit zugunsten von unbezahlter Care Arbeit einschränkten. „Es schadet damit den Frauen, den Unternehmen und unserem Sozialstaat. Und es hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, schreibt Giffey. Außerdem benachteilige es unverheiratete Paare. Der von Giffey auch geforderte „Bestandsschutz“ würde die herrschenden Verhältnisse jedoch auf Jahre oder gar Jahrzehnte zementieren. Ein großer Wurf für die Gleichberechtigung sähe anders aus.

https://twitter.com/AntjeOtt/status/1322203054033248258?s=20

Freitag, II
Die bisher größte Demonstration im Rahmen von „strajk kobiet“ fand am Freitag in Warschau statt:

Samstag, 31. Oktober
Sean Connery ist im Aller von 90 Jahren gestorben
und alle Boomer, und solche die es werden wollen, bekundeten ihren schmerzlichen Verlust in den sozialen Medien. Bei Prominenten dieses Alters ist es üblich, dass die Redaktionen die Nachrufe schon in der Schublade haben und so ploppten blitzschnell lobhudelnde Rührstücke über den „Mann der Männer“ (SPIEGEL) auf. „Sexy“ sei er gewesen, ein „lässiger Hedonist“ und immer wieder: „Gentleman“. Kein Wort darüber, dass „dieser außergewöhnliche Gentleman“ (ZEIT) wiederholt bekannt hat, es sei in Ordnung, Frauen zu schlagen.

„I don’t think there is anything particularly wrong in hitting a woman, though I don’t recommend you do it the same way that you hit a man.“

Sean Connery im Interview mit dem Playboy, 1965

„There are women who take it to the wire. That’s what they are looking for, the ultimate confrontation. They want a smack.“

Sean Connery im Interview mit Vanity Fair, 1993

Die US-amerikanische Journalistin und TV-Moderatorin Barbara Walters sprach Connery 1987 in einem Interview auf diese Aussagen an. Er antwortete: „Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich denke nicht, dass es gut ist, ich denke nicht, dass es schlecht ist. Ich denke es hängt entscheidend von den Umständen ab, ob es verdient istund weiter: „Wenn du alles versucht hast – und Frauen sind ziemlich gut darin – sie können es nicht gut sein lassen, sie wollen das letzte Wort haben und du gibst es ihnen, aber sie sind nicht zufrieden mit dem letzten Wort. Sie wollen es nochmal sagen und schaffen eine provokative Situation, dann denke ich, ist es absolut richtig.“

Offenbar vertrat der ehemalige Bodybuilder auch privat diese Meinung. Seine Exfrau, die australische Schaupielerin Diane Cilento (verheiratet mit Connery von 1962 – 1973), schreibt in ihrer Autobiografie, Connery habe sie körperlich und psychisch misshandelt. Connery hat die Vorwürfe stets bestritten.

Sonntag, 1. November

Deutsche Unternehmen hinken in Sachen Gleichstellung im internationalen Vergleich hinterher. In den deutschen Spitzen-Konzernen sind nicht mal 13 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt. Elf Dax-Unternehmen haben keine einzige Frau im Vorstand, und keins der Dax 30-Unternehmen wird von einer Frau geführt. Die „Selbstverpflichtung“ der deutschen Top-Unternehmen von 2001 hat sich als genau die Luftnummer erwiesen, die zu erwarten war. Eine der klügsten deutschen Wissenschaftlerinnen, die Soziologin Jutta Allmendinger, hält die Quote für ein überfälliges Signal. Es geht um den Abbau von Ungerechtigkeit, gerechtere Bezahlung und darum, dass Frauen Vorbilder brauchen. Allmendinger, die auch Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin ist, betont im Bericht aus Berlin, dass eine Quotierung eine große Breitenwirkung erzielen würde. In Deutschland-einig-Männerland wird allerdings ein höherer Frauenanteil in Unternehmen immer noch als eine Belastung und wirtschaftlicher Nachteil gesehen, entgegen aller Untersuchungen, die belegen, dass mehr Diversität in den Führungsgremien im Schnitt zu mehr Erfolg führt.

Und zum Schluss
In Berlin begann gestern die Saison der Kältehilfe. Ich habe ein bisschen über mein Ehrenamt in der Notübernachtung am Containerbahnhof geschrieben und darüber, warum sich die Lage für obdachlose Frauen während der Corona-Pandemie weiter verschlimmert hat. Auf Twitter habe ich allerdings das Datum verpeilt.

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