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Ruhe in Frieden, bell hooks. (Illustration von mir)

Bye bell

bell hooks ist gestorben, Die ZEIT interviewt eine TERF und in Berlin war eine Hausbesetzung ein echter Erfolg. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW50

Montag, 13. Dezember

Am Montagabend kam es in Leipzig zu einem Angriff auf die Moschee in der Eisenbahnstraße. Verschiedenen Medienberichten zufolge waren es Teilnehmende einer linksradikalen Demonstration, die die Fensterscheiben einwarfen. Die Moschee gehört zum türkisch-islamischen Verein DİTİB. Der Verein „untersteht der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) der Türkei, welches früher dem türkischen Ministerpräsidentenamt angegliedert war und heute dem Präsidenten direkt unterstellt ist“ (Wikipedia). DİTİB wird immer wieder im Zusammenhang mit Antisemitismus, Islamismus, türkischem Faschismus und Armenier*innenfeindlichkeit gebracht.

Auf Twitter entbrannte eine hitzige „Diskussion“ darüber, was in Antifaschist*innen vorgeht, die einen muslimischen Rückzugsraum angreifen, um ihre „Kritik“ an Islamismus und dem türkischen Staat auszudrücken. Es ist niemals „links“ Muslim*innen zu bedrohen, die in einer rassistischen Dominanzkultur marginalisiert sind. Es hat nichts mit Antifaschismus zu tun, betende Menschen oder religiöse Einrichtungen anzugreifen. Dazu kommt, dass in der Moschee im Leipziger Osten längst nicht nur türkische Faschist*innen beten. Gleichzeitig darf nicht verharmlost werden, welche Agenda die DİTİB verfolgt. Dass hier anti-kurdischer Rassismus, Antisemitismus, die Leugnung des Genozids an den Armenier*innen und islamistischer Fanatismus gepredigt werden und der türkische Staat direkt Einfluss auf die Gemeinden nimmt, ist vielfach belegt. Als Antifaschist*innen dürfen wir nicht zum türkischen Faschismus schweigen. Die „Grauen Wölfe“, die größte rechtsextremistische Vereinigung in Deutschland, und die DİTİB sind gut vernetzt und verfolgen gemeinsam eine antikurdische, rassistische, antisemitische, demokratiefeindliche und islamistische Agenda. Das zu ignorieren ist fahrlässig.

Dienstag, 14. Dezember

Eine am Dienstag veröffentlichte US-Studie belegt, „dass geschlechtsangleichende Hormontherapie Depressionen und Suizidgedanken bei trans oder nichtbinären Jugendlichen und jungen Erwachsenen signifikant senkt“. Die Wissenschaftler*innen fanden heraus, dass das Risiko an einer ernsten Depression zu erkranken oder unter Suizidgedanken zu leiden, bei trans oder nichtbinären Jugendlichen, die eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung erhalten, rund 40 Prozent niedriger ist als das der unbehandelten Gruppe. Insgesamt wurden 12.000 trans oder nicht binäre Personen zwischen 13 und 24 Jahren befragt. Das Durchschnittsalter lag bei ca. 17½ Jahren.

Über Hormontherapien für trans Jugendliche, zu denen auch „Pubertätsblocker“ zählen, wird viel diskutiert. Konservative Politiker*innen und transfeindliche Radikalfeminist*innen (TERF) behaupten, es handle sich dabei um „Experimente“, die an „Kinderkörpern“ vorgenommen würden. Dabei wird die medikamentöse Therapie in Deutschland seit den frühen 1990er Jahren eingesetzt und ist als Bereich der evidenzbasierten Medizin gut erforscht. TERF faseln von einer „Translobby“, die angeblich für die Hormonbehandlungen werben und dafür sorgen würde, dass junge Mädchen ihre Körper irreversibel verändern oder gar „verstümmeln“ würden. Die transfeindliche Verschwörungserzählung ist komplett absurd, Expert*innen widersprechen regelmäßig diesem Bullshit, aber die „Fake News“ halten sich hartnäckig. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Sabine Maur erklärte im Februar im Tagesspiegel, wie der Behandlungsalltag von trans Kindern und Jugendlichen tatsächlich aussieht. Die Mythen der TERF sind für sie eine „Scheindebatte“ und sie ärgert sich darüber, „dass hier Leute, die sehr unglücklich und belastet sind, zu angeblich aggressiven Lobbyisten stilisiert werden und so getan wird, als seien sie eine Bedrohung für die Gesellschaft“.

Mittwoch, 15. Dezember

bell hooks ist gestorben. Das gab die Familie der Autorin, Wissenschaftlerin und intersektionalen Feministin in einer Pressemitteilung bekannt. bell hooks, die ihren Namen deshalb kleinschrieb, weil sie nicht als Person im Mittelpunkt stehen, sondern ihre Arbeit ins Zentrum rücken wollte, wurde 69 Jahre alt. 1981 erschien ihr Buch „Ain’t I A Woman: Black Women and Feminism“, in dem sie über die Intersektionen von Rassismus, Sexismus und Klassismus schrieb. Die Komplexität von Diskriminierungserfahrungen war bell hooks Lebensthema. Aufgewachsen in einer Arbeiterklassen-Familie mit sieben Geschwistern, als Schwarze Frau studierend und später lehrend, als queere Afroamerikanerin, die zur Zeit der racial segregation in Kentucky geboren wurde; bell hooks war stets die Stimme der Marginalisierten. Sie war eine wichtige, wenn nicht die wichtigste, Kritikerin des white feminism, also des Feminismus weißer Frauen, die Rassismus und Klassenstandpunkt weder in ihren Analysen und ihren Kämpfen berücksichtigten, die eine Veränderung nicht systemisch, sondern vielmehr individuell anstreben und weder strukturellen Rassismus noch Kapitalismus als Grundproblem erkennen und bekämpfen.

Der Nachruf auf bell hooks von Meret Weber auf Zeit Online gibt einen guten Überblick über bell hooks Werk und ihre zentralen Thesen. Ich zitiere im Folgenden zwei Sätze daraus: „Neben mehr als 30 Buchveröffentlichungen besteht bell hooks’ Vermächtnis für viele Menschen wohl vor allem in einem: durch die Lektüre ihrer Schriften ebenso wie dem Lauschen ihrer Vorträge einen Zugang zu feministischem Denken und zu den Zusammenhängen von patriarchaler Gewalt, weißer Vorherrschaft und kapitalistischer Ausbeutung erhalten zu haben. hooks’ Schaffen trug dazu bei, dass Menschen die Unterdrückung, die sie erfahren und beobachten, benennen und bekämpfen können.“

bell hooks wird schmerzlich fehlen.

Apropos ZEIT Online, apropos white feminism: Am Mittwoch ist auf zeit.de ein langes Interview mit der britischen Philosophin Kathleen Stock erschienen. Stock hatte kürzlich ihre Professur an der University of Sussex geschmissen, weil sie die „Cancel Culture“ nicht mehr ertragen konnte, der sie sich ausgesetzt sah. Vorausgegangen waren Proteste von Studierenden gegen Stock sowie ein offener Brief von rund 600 Philosoph*innen, die die Verleihung des Order of the British Empire an Kathleen Stock kritisierten. Die unterzeichnenden Akademiker*innen erklären darin: „Wir wehren uns dagegen, dass prominente Mitglieder unseres Berufsstandes ihren akademischen Status dazu nutzen, die Gender-Unterdrückung voranzutreiben. Wir verurteilen Transfeindlichkeit in all ihren Formen und verpflichten uns hiermit öffentlich, an der Schaffung einer inklusiveren Kultur zu arbeiten, in der Menschen aller Geschlechter und Genderidentitäten sich entfalten können und für das, was sie sind, respektiert werden.“ Kathleen Stock ist Mitglied der transfeindlichen Organisation „LGB-Alliance“ und besteht darauf, trans Frauen als Männer zu bezeichnen. Die University of Sussex stellte sich hinter die Professorin, aber diese kündigte trotzdem, um jetzt überall ihre menschenverachtenden Thesen zu verbreiten. Die ZEIT gibt ihr dafür offenbar gern eine Bühne. Stock reproduziert in dem Interview ekelhafteste Narrative, behauptet, trans Frauen seien eine Gefahr für cis Frauen. Sie verkleidet ihren Hass in „Sorge“ und behauptet, Frauen müssten mit „Voyeurismus, Exhibitionismus, öffentlicher Masturbation und sexuellen Übergriffen“ rechnen, wenn trans Frauen als Frauen anerkannt würden. Es ist niederträchtig, ihr Hass auf trans Personen trieft aus jeder Zeile.

Donnerstag, 16. Dezember

Im Landkreis Schweinfurt kam es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zu einem Femizid. Ein 70-jähriger Mann ist dringend tatverdächtig seine 65-jährige Ehefrau gewaltsam getötet zu haben. Die Polizei nahm den Mann fest, da dieser die Tat gestanden habe.

Freitag, 17. Dezember

Chris Noth, der Schauspieler, der vor allem für seine Rolle des „Mr. Big“ in der Serie „Sex and the City“ bekannt ist, wird von mehreren Frauen sexualisierte Gewalt vorgeworfen. Zwei Frauen gaben an von Noth 2014 bzw. 2015 vergewaltigt worden zu sein. Eine weitere Frau, die zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt war, sagte, Noth habe sie 2010 sexuell missbraucht. Der Beschuldigte streitet die Vorwürfe ab, behauptet, alles sei einvernehmlich gewesen.

Auch am Freitag

Friedrich Merz ist CDU-Vorsitzender. Ich könnte hier jetzt lang und breit darlegen, warum ich es furchtbar finde, dass die größte Oppositionspartei künftig von einem Mann geführt wird, der rassistisch und sexistisch ist, der arme Menschen verachtet und Vergewaltigungen in der Ehe einst nicht als solche anerkennen wollte. Ich kann es aber auch lassen. Denn im Unterschied zu vielen besorgten „Demokrat*innen“ halte ich die CDU für eine Partei, die genau solch einen Vorsitzenden verdient. Die CDU ist eine Partei, die rassistische, sexistische Politik macht, die arme Menschen noch ärmer werden lässt, die „Leistung“ anhand kapitalistischer Verwertbarkeit bewertet und die die Vorherrschaft weißer, reicher, nicht behinderter Männer christlicher Konfession mit allen Mitteln aufrechterhalten will. Also nein, ich rege mich nicht über die Wahl von Friedrich Merz auf. Ich ärgere mich über alle, die noch immer glauben, die CDU könnte ja irgendwie „okay“ sein, wenn sie ein bisschen weniger rechts wäre.

Samstag, 18. Dezember

In Berlin haben Aktivist*innen ein Haus besetzt. Die Habersaathstraße 40 bis 48 ist ein langgestreckter Häuserriegel mit rund 100 Wohnungen, die seit Jahren überwiegend leer stehen. Der Eigentümer will den Plattenbau abreißen und einen Neubau errichten, der dann vermutlich zu „marktüblichen“ Preisen an die vermietet wird, die es sich noch leisten können, in Mitte zu wohnen. Die Besetzer*innen wehren sich gegen den Abriss und fordern den Wohnraum für die freizugeben, die ihn brauchen: obdachlose Menschen. Die Politik unter dem grünen Bezirksbürgermeister Stephan Dassel (der wegen seiner Armen-feindlichen Politik und rassistischen Aussagen schon häufiger negativ aufgefallen ist) hat nun erklärt, das Wohnhaus zu beschlagnahmen, um dort dauerhaft obdachlose Menschen unterzubringen. „Der Vermieter habe deutlich gemacht, dass er sich auf keine Lösung einlassen wolle, die weitere Mietverhältnisse begründeten“, heißt es im RBB. Die Beschlagnahmung wäre ein so wichtiges Zeichen und ein echter Erfolg der Aktivist*innen. Besetzungen von Häusern, deren Leerstand einzig der Profitmaximierung der Eigentümer*innen dient, müssen wieder verstärkt politische Praxis werden. Die Häuser denen, die sie brauchen!

Sonntag, 19. Dezember

Auf Twitter lassen TERF ihrem Hass auf trans Personen freien Lauf. In Duisburg beleidigen Fußballfans einen gegnerischen Spieler rassistisch, das Spiel wird abgebrochen. In Nürnberg und Dresden demonstrieren tausende Ignorant*innen gegen die (meiner Meinung nach viel zu laschen) Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Ich mag nicht mehr heute. Es ist spät, ich bin müde und morgen ist der ganze Mist ja immer noch da. In diesem Sinne, machts euch so gemütlich wie es geht und habe es so schön wie möglich.

Hier noch ein random Tweet über Ameisen:

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