Verdammter Faschismus
Ebru Timtik 1978 - 2020 (Illustration von mir)

Verdammter Faschismus

Faschist*innen in der Türkei sind schuld am Tod von Ebru Timtik. Faschist*innen in Brasilien verweigern Mädchen und Frauen die körperliche Selbstbestimmung und in Berlin feiern sie sich selbst, Seite an Seite mit ihren bürgerlichen Steigbügelhalter*innen. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW35

Montag, 24. August
Ein auf Twitter veröffentlichtes Statement der Twitch-Streamerin Lara Loft hat die Debatte über Sexismus, Belästigungen und Stalking innerhalb der Gaming-Szene erneut befeuert. Die 31-Jährige hat auf dem Livestreaming-Portal Twitch über 200.000 Follower*innen, darunter einige Männer, die ihr Geschenke machen oder Geld senden. (Donations sind eine übliche Praxis bei Twitch: User*innen können so unkompliziert Streamer*innen finanziell unterstützen.) Lara Loft schreibt in ihrem offenen Brief, dass sie „dieses Thema niemals groß öffentlich behandeln“ wollte, denn „die meisten Menschen verstehen diese grundsätzlichen Verhaltensregeln“.

Für Geschenke und Donations können User*innen keinerlei Gegenleistung erwarten. Viele Fans erhoffen sich dennoch die Aufmerksamkeit ihrer Angebeteten und belästigen diese dann mit unangemessenen Nachrichten. Einer ihrer Fans, ein User namens „Rohal“ ging sogar noch darüber hinaus. Lara Loft beschreibt in ihrem Statement, wie sie versuchte, den Stalker loszuwerden, ihm immer wieder klar zu machen, dass sie kein Interesse an ihm hat, doch dieser ließ nicht locker und begann auch Freund*innen von Lara Loft zu belästigen. Das veranlasste sie schließlich dazu, sich öffentlich zu äußern.

Das gruseligste an der ganzen Sache ist aus meiner Sicht nicht der einzelne, irre „Fan“ (schlimm genug!), sondern Teile der Szene, die den Stalker in Schutz nehmen. Angeblich weil sie sich Sorgen um ihn machen, stellen sie sich schützend auf seine Seite. Einige teilen auch ganz offen die Haltung, dass die Streamerin ihren Fans etwas schulde. Schließlich baue sie ihren Erfolg auf der Anerkennung der User*innen auf und dafür müsse sie eben auch einen Preis bezahlen. In typischer Victim-Blaming-Manier wird der Streamerin vorgehalten, sie sei für die Belästigungen selbst verantwortlich, wenn sie Geschenke annehme. Männer, die einen freundlichen Kommentar als Flirt missverstehen, die einen Flirt für eine Einladung zum Sex halten, die grundsätzlich der Überzeugung sind, Frauen würden ihnen irgendetwas schulden (Anerkennung, Freundschaft, Liebe, Sex, was auch immer), existieren auch außerhalb der Gaming-Szene. Doch vor allem im Internet fühlen sie sich sicher und im Recht, denn sie werden von Gleichgesinnten bestärkt und unterstützt. Hier liegt ein großes Gefahrenpotential und es ist wichtig, dass Betroffene wie Lara Loft Support und Schutz erhalten, nicht nur, wenn sie die Extremfälle öffentlich machen.

Dienstag, 25. August
Ein Artikel auf t-online.de versetzt Twitter in Aufruhr. Es geht darin um den sogenannten gender pension gap, also die Tatsache, dass Frauen im Alter finanziell deutlich schlechter gestellt sind als Männer. Nach dem gender pay gap ist der pension gap die logische Konsequenz. Christine Holthoff schreibt auf t-online.de: „Wollen Frauen ihren Lebensstandard halten, wenn sie in Rente gehen, müssten sie dafür im Schnitt bereits jetzt deutlich mehr Geld auf dem Konto haben als Männer gleichen Alters. Denn sie verdienen während ihres gesamten Lebens nicht nur weniger als Männer, sondern leben im Schnitt auch noch länger. Sie müssen im Ruhestand also mit weniger Einkommen eine längere Zeit füllen.“

So weit so logisch. Doch die Berechnungen der Geldanlagen-Plattform „Weltsparen“, die von t-online.de ziemlich unreflektiert übernommen werden, sorgen bei Twitter überwiegend für Hohn und Spott.

So ist es für die meisten Nutzerinnen schlicht weltfremd, mit 30 Jahren eine Summe von über 50.000 Euro angespart zu haben. Studienschulden, prekäre Beschäftigung, Care-Arbeit, Krankheit oder Be_hinderung sei Dank. Es gibt Millionen Gründe, die ein fettes Sparbuch unmöglich machen und dennoch oder (deswegen?) boomt das Geschäft der Finanzblogger*innen, Spar-Ratgeber und Anlageberatungen. Die Angst vor Altersarmut ist vor allem bei Frauen groß und leider auch berechtigt. Was mich an der ganzen Debatte stört, ist die totale Individualisierung des Problems. Madame Moneypenny und Co. ermutigen ihre Kund*innen dazu, Geld zu sparen, Gehälter zu verhandeln, ETF und Aktien zu kaufen oder ein skalierbares Business aufzubauen. Das ist cool und ich freue mich für jede Frau, die es schafft, ein Vermögen aufzubauen und finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Aber wer uns erzählt, wir hätten alles selbst in der Hand und müssten nur unser „Money-Mindset“ auf „Rich-Bitch“ programmieren, unterschlägt die gesellschaftlichen Realitäten. Nicht jede Frau hat die gleichen Voraussetzungen und nicht alle Hürden sind selbstverschuldet. Im Kapitalismus ist Wohlstand für Alle schlicht nicht vorgesehen. Das anzuerkennen und daraus eine Systemkritik zu formulieren liegt den Finanzblogger*innen selbstverständlich fern, basiert ihr Business doch auf dem Versprechen, dass es Jede schaffen kann.

Mittwoch, 26. August
Der Regisseur und Sexualstraftäter Roman Polanski wird nicht wieder in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences aufgenommen. 2018 war er im Zuge der Metoo-Bewegung aus der Oscar Akademie ausgeschlossen worden. Auch Harvey Weinstein und Bill Cosby wurden rausgeschmissen. Polanski, der 1977 zugegeben hat, „strafbare sexuelle Handlungen“ an einem 13-jährigen Mädchen vorgenommen zu haben, war über 50 Jahre Mitglied der Academy und ist gegen seinen Ausschluss juristisch vorgegangen. Ein Gericht in Los Angeles hat nun geurteilt, dass der Rauswurf völlig klargeht.

Roman Polanski ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie sicher sich sexuelle Gewalttäter in einer patriarchalen Gesellschaft fühlen. Polanski hatte die damals 13-Jährige unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Er behauptet, das Kind wäre einverstanden gewesen. Bevor das Gericht damals das Strafmaß verkünden konnte, war Polanski nach Europa geflohen, wo er sein Leben und seine Karriere ungestört fortsetzen konnte. Er ist regelmäßiger Gast auf Filmfestivals, dreht Filme und gewinnt Preise („Der Pianist“ wurde unter anderem mit der Goldenen Palme in Cannes 2002 ausgezeichnet). Mehrere Frauen werfen Polanski Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vor, die deutsche Schauspielerin Renate Langer gibt an, erst 15 Jahre alt gewesen zu sein, als sie von Polanski vergewaltigt wurde.

Weder die Filmbranche noch die Medien scheinen sich daran zu stören und Polanski kann machen war er will. Er wird als Regisseur gefeiert, seinen Opfern wird nicht selten unterstellt, die Vorwürfe erfunden oder aufgebauscht zu haben. Das Werk des Künstlers ist im Patriarchat mehr wert, als die Unversehrtheit seiner Opfer. Zu dem Zeitpunkt als Polanski 2020 den „César“ in der Kategorie Bester Film für „Intrige“ erhielt, waren sechs Frauen bekannt, die dem Regisseur sexuelle Gewalt vorwarfen.

Donnerstag, 27. August
Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass das Land Berlin einer muslimischen Lehrerin nicht pauschal das Tragen eines Kopftuches verbieten darf. Ein wichtiges Urteil, dass das Berliner Neutralitätsgesetz ins Wanken bringt.

Eine muslimische Diplom-Informatikerin hatte sich an einer Berliner Schule als Lehrerin beworben und hatte eine Absage erhalten, nachdem sie angab, ihr Kopftuch nicht ablegen zu wollen. Dagegen hatte sie geklagt und am Landesarbeitsgericht eine Entschädigung erstritten. Das Bundesarbeitsgericht hat jetzt das Urteil bestätigt und urteilte, dass das pauschale Kopftuchverbot gegen die in der Verfassung zugesicherte Religionsfreiheit verstößt. Das Berliner Neutralitätsgesetz verbietet das sichtbare Tragen religiöser Symbole in öffentlichen Ämtern. Dies diskriminiert aber vor allem Muslima und Juden, denn weder Kopftuch noch Kippa lassen sich wie ein Kruzifix unter dem Hemdkragen verstecken.

Warum das Neutralitätsgesetz in meinen Augen ein Zeugnis von antimuslimischem Rassismus und Frauenfeindlichkeit ist, könnt ihr hier nachlesen.

Freitag, 28. August
Ebru Timtik ist gestorben. Seit Januar, 238 Tage lang, versuchte die türkische Anwältin durch einen Hungerstreik im Gefängnis ein faires Verfahren zu erzwingen, ohne Erfolg. Ebru Timtik wurde 42 Jahre alt. Um 21:04 Uhr des 27. August 2020 wurde ihr Tod bekanntgegeben, nachdem Wiederbelebungsversuche gescheitert waren.

Wegen angeblicher Verbindungen zur „linksextremen“ DHKP-C war Ebru Timtik von einem Istanbuler Gericht ohne Beweise zu 13,5 Jahren Haft verurteilt worden. Sie war eine von 18 Anwält*innen, denen wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation der Prozess gemacht wurde. Insgesamt wurde die Gruppe zu 159 Jahren Haft verurteilt. Die Menschenrechtsaktivist*innen waren dem Erdogan-Regime ein Dorn im Auge, da sie häufig Oppositionelle vertraten.

Ein Kollege, der Anwalt Aytaç Ünsal, ist 31 Tage nach Ebru Timtik in den Hungerstreik getreten. Sein Zustand ist kritisch. Obwohl Timtik und Ünsal die Haftunfähigkeit bescheinigt wurde (Ebru Timtik soll vor ihrem Tod nur noch 30 Kilo gewogen haben) wurde die Freilassung der politischen Gefangenen vom Gericht abgelehnt.

Seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 wurden 1.546 Anwält*innen in der Türkei strafrechtlich verfolgt, sagt Human Rights Watch in einem Bericht von 2019. Fast 600 wurden verhaftet und 274 davon zu Haftstrafen von insgesamt 1.762 Jahren verurteilt, häufig ohne Beweise und ein faires Verfahren.

Samstag, 29. August
Im letzten Wochenrückblick ging es um das 10-jährige Mädchen in Brasilien, das wegen eines Schwangerschaftsabbruchs nach einer Vergewaltigung von radikalen Abtreibungsgegner*innen bedroht wurde. Nun hat die brasilianische Regierung die ohnehin restriktiven Abtreibungsgesetze noch weiter verschärft. Mädchen und Frauen, die eine durch Vergewaltigung entstandene Schwangerschaft abbrechen wollen, müssen die Vergewaltigung bei der Polizei anzeigen, Beweise vorlegen und auch den Ärzt*innen die Gewalttat ausführlich schildern. Sie sind verpflichtet, sich den Embryo bzw. Fötus auf dem Ultraschall anzuschauen und müssen darauf hingewiesen werden, dass sie mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen müssen, wenn sie die Vergewaltigung nicht beweisen können.

Ich kann nicht mit Worten ausdrücken, wie unfassbar widerlich ich diese Vorschriften finde, die der Bolsonaro-nahe Gesundheitsminister und Armeegeneral Eduardo Pazuello erlassen hat. Das Recht der Frauen auf körperliche Selbstbestimmung ist faktisch nicht existent in Brasilien, wo es sowieso nur unter sehr eng gefassten Umständen erlaubt ist, eine Abtreibung durchführen zu lassen.

Sonntag, 30. August
Ich versuche noch, die Bilder von gestern zu verarbeiten, als ein hässlicher Mob von rechtsextremen Hooligans, Reichsbürger*innen und Verschwörungsgläubigen, friedensbewegten Esoterik-Heinis und bürgerlichen Impfgegner*innen ohne Abstand oder Masken durch Berlin gezogen ist. Um dem gruseligen Spektakel einen krönenden Abschluss zu bereiten, rannte die krude Horde unter großen Gejohle auf die Treppen des Reichstagsgebäudes, ziemlich unbehelligt von den paar Polizist*innen, die insgesamt eine Sanftmut an den Tag legten, wie ich sie nach jahrelanger Antifa-Demo-Erfahrung nie für möglich gehalten hätte. Die vereinte Rechte hat genau die Bilder bekommen, die sie sich erträumte. Schwarz-weiß-rote Fahnen auf den Treppen zum verhassten Parlament. Die Symbolwirkung ist beträchtlich, die Szene wird sich noch lange dafür feiern. Die Faschist*innen und ihrer bürgerlichen Steigbügelhalter*innen fahren nach Hause mit dem guten Gefühl des Erfolgs, des „Wir sind viele“ und „jetzt geht’s los“.

Ich werde es nie begreifen, warum die Hygiene- und Abstandsregeln zur Eindämmung einer globalen Pandemie Menschen auf die Straße treiben, die bei rassistischen Morden, Polizeigewalt, Milliardenbetrügereien durch Cum-Ex-Geschäfte oder dem menschenunwürdigen Leid der Geflüchteten nur müde mit den Schultern zucken. Ich verstehe die Leute nicht, die sich leidenschaftlich darüber aufregen, dass Knorr eine Grillsauce umbenennt, während es sie nicht stört, dass in europäischen Lagern zehntausende Kinder verelenden. Ich muss diese Logik nicht verstehen, ich will diesen Menschen auch nicht mehr zuhören. Diese Leute haben sich schon längst dafür entschieden, den demokratischen Boden der Auseinandersetzung zu verlassen. Was sie als „Meinung“ deklarieren, ist nichts weiter als blanker Hass und widerliche Hetze.

Während die bürgerliche Mitte bei ein paar zerbrochene Schaufensterscheiben in Stuttgart ihr „Entsetzen“ äußert und für die Randalierer*innen die ganze Härte des Rechtsstaats fordert, bleibt sie heute vergleichsweise ungerührt.

Solange Deutschland bei rassistischen Morden und rechtsextremen Bestrebungen zur Abschaffung der Demokratie beide Augen zudrückt und gleichzeitig auf die Gefahr durch „linke Gewalt“ und „Migrant*innen“ hinweist, habe ich wenig Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft in diesem Land.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Bert Kaesser

    Ich wäre froh, spielten unsere Medien den Rechten und Verwirrten nicht allzusehr in ihre Karten. Sie sollten nicht von der (Er-)Stürmung des Reichstags(gebäudes) sprechen, wie vielfach zu lesen/hören ist. Das ist das Vokabular der Faschisten und es wird sie freuen, dass die Presse es ungewollt(?) „würdigt“.
    Deine Formulierungen treffen genau, was es ist: ein hässlicher Mob.
    Von derartigen Aufmärschen in anderen europäischen Ländern habe ich noch nichts gehört. Und dort sind Abstands- und Maskenpflichtbestimmungen ähnlich oder strenger.
    Danke für Deine dezidierte Haltung.

    1. Ulla

      Danke für deinen Kommentar!
      Mir ist die Berichterstattung auch sehr negativ aufgestoßen. Dies Aktion war wohlüberlegt und gut vorbereitet und der Plan ging voll auf Dank der produzierten Bilder und dem von den Medien aufgegriffenen Vokabular.
      Jetzt sind alle kurz bestürzt, aber keine*r fragt sich, was man selbst tun kann.

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