Faschismus, Fußball, Femizide
Rest in Power, Deniz Poyraz! (Illustration von mir)

Faschismus, Fußball, Femizide

Ein türkischer Faschist hat Deniz Poyraz erschossen, Deutschrap kriegt sein eigenes Metoo, Ungarn ist und bleibt ein queerfeindlicher Schurkenstaat und dann ist da noch Fußball. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW24

Montag, 14. Juni

In Ungarn ist ein queer- und transfeindliches Gesetz in Kraft getreten, über das schon seit letztem Herbst diskutiert wurde. Das Parlament verabschiedete das Gesetz, das Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzt. In Ungarns Verfassung ist die „Idealfamilie“ festgeschrieben, darin heißt es: Der Vater ist ein Mann, die Mutter eine Frau. Trans Personen dürfen ihren Geschlechtseintrag offiziell nicht ändern lassen – unabhängig von operativen Eingriffen im Rahmen der Transition. Künftig sind in Ungarn außerdem Bücher, Broschüren, Aufklärungskampagnen und Werbung verboten, die eine andere Familie zeigen, als „Vater, Mutter, Kind(er)“.

Auch am Montag

In Norwegen wurde ein Gesetz verabschiedet, das ab Sommer 2022 eine Kennzeichnung retuschierter Fotos vorschreibt. Sowohl in der Werbung, als auch auf Instagram müssen Bilder, auf denen Körper digital bearbeitet wurden kenntlich gemacht werden. Das norwegische Parlament will damit dem verzerrten Körperbild vorbeugen, dass Kinder und Jugendliche entwickeln, wenn sie die bearbeiteten Fotos von Models oder Influencer*innen sehen. Eine Kinderschutzorganisation hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 43 Prozent der Befragten „kroppspress“ („Körperdruck“) empfinden. „Wir wollen, dass sich Kinder und Jugendliche in Zukunft so akzeptieren, wie sie sind“, sagte Norwegens Familienministerin Kjell Ingolf Ropstadt. Ich finde so ein Gesetz eine „nette Idee“, aber viel mehr leider nicht. Es ist so eine typische Erwachsenen-Denke: Als würden die Jugendlichen nicht genau wissen, dass Fotos in der Regel bearbeitet sind und Filter einen „besser“ aussehen lassen. Ich fürchte es wird überhaupt nichts ändern, wenn zukünftig „bearbeitet“ über dem Foto steht. Das Selbstbild wird dadurch nicht besser. Längst gibt es Apps, die ein Foto kinderleicht mit ein paar Klicks verändern – die Haut straffen, die Figur schmaler, die Augen größer machen. Die Kids wissen, wie das läuft. Das Problem ist nicht die fehlende Kennzeichnung, das Problem sind die Schönheitsideale und Körperstandards. Schon Kinderkleidung ist „für Mädchen“ schmaler geschnitten als für Jungs. Ich bezweifle, dass sich ein Mädchen, dessen Beine nicht in Skinny-Jeans passen, besser fühlt, wenn im H&M-Katalog „retuschiert“ über den Bildern steht.

Dienstag, 15. Juni

Das Europäische Parlamentarische Forum (EPF) stellte am Dienstag eine Analyse von Finanzströmen vor, die belegt, wie christliche Stiftungen und Rechte aus Russland und den USA den Kampf gegen Feminismus in Europa finanzieren. 120 Gruppen listet das EPF, die sich in Europa gegen die reproduktive Selbstbestimmung, LGBTQI-Rechte und gegen Gleichstellungspolitik engagieren. Die 54, zu denen Finanzdaten vorlagen, erhielten zwischen 2009 und 2018 81,3 Millionen US-Dollar aus den USA, 188,2 Millionen aus Russland und 437,7 Millionen aus der Europäischen Union. Die Gelder aus der EU haben sich im Verlauf von 10 Jahren mehr als verdreifacht. Allein vom katholischen Netzwerk Tradition, Familie, Privateigentum kamen in dem Zeitraum über 110 Millionen Dollar. Auch Stiftungen deutscher Adeliger sind an der Finanzierung antifeministischer Initiativen beteiligt.

Mittwoch, 16. Juni

Berlin-Kreuzberg kriegt eine Audre-Lorde-Straße. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am Mittwoch beschlossen. Der nördliche Teil der Manteuffelstraße (zwischen Oranien- und Köpenicker Str.) wird umbenannt. Audre Lorde lebte zeitweise in Berlin, sie lehrte als Gastprofessorin an der FU. Die Schwarze, lesbische Feministin (1934-1992) ist auf jeden Fall würdiger, auf einem Straßenschild zu stehen, als der preußische Antidemokrat Otto Theodor von Manteuffel (1805-1882).

Auch in dieser Woche haben sich in Deutschland wieder Femizide ereignet. Am Mittwoch wurde in Landau an der Isar die Leiche einer 49-Jährigen gefunden. Offenbar wurde sie von ihrem Ehemann getötet. Die Polizei nahm den 58-Jährigen am Tatort fest.

Am Freitag wurden eine Frau und ein Mann in der Innenstadt von Espelkamp (Nordrhein-Westfalen) erschossen. Tatverdächtig ist ein 52-jähriger Mann aus Diepenau in Niedersachsen. Nach Medieninformationen handelt es sich bei der getöteten Frau um die Ex-Frau des Täters. Die Tat soll sich am Tag nach der Scheidung ereignet haben.

Donnerstag, 17. Juni

Am Donnerstag wurde Deniz Poyraz in Izmir erschossen. Die kurdische Mitarbeiterin der HDP war als einzige im Gebäude, als der Attentäter ins Gebäude kam. Eigentlich hätte zu dem Zeitpunkt eine Sitzung von 40 führenden HDP-Politiker*innen stattfinden sollen. Das Meeting war kurzfristig verschoben worden. Der 38-jährige Attentäter, ein türkischer Faschist der „Grauen Wölfe“, hatte ein Massaker anrichten wollen. Er traf nur auf Deniz Poyraz, die er mit sechs Schüssen aus einer Langwaffe tötete. Der Mord geschah nicht im luftleeren Raum. Die AKP-MHP-Koalition trägt mit ihrer antikurdischen Propaganda eine Mitschuld. Auch in Deutschland kommt es wieder häufiger zu Angriffen der „Grauen Wölfe“ auf kurdische Aktivist*innen. In Deutschland haben die faschistischen „Grauen Wölfe“ schätzungsweise 18.000 Anhänger*innen. Ein Verbot dieser rechtsextremen, gewaltbereiten Gruppierung wird von der Bundesregierung bislang abgelehnt. Obwohl die verfassungsfeindliche Gruppe insbesondere in NRW versucht, auch politisch Einfluss zu nehmen. Mich wundert es nicht, war es doch insbesondere die CDU/CSU, die den türkischen Faschismus in Deutschland als „Gegengewicht“ zu kommunistischen / kurdischen Strömungen unter den sogenannten Gastarbeiter*innen aufbaute.

Der Mord an Deniz Poyraz war nicht der erste und wird nicht der letzte sein. Der Faschismus befindet sich auch in der Türkei derzeit im Aufwind. Wenn ihr mich fragt; es wird Zeit für eine neue, antifaschistische Internationale.

Freitag, 18. Juni

Nachdem Nika Irani öffentlich machte, vom Rapper Samra vergewaltigt worden zu sein, schien zunächst alles „wie immer“ zu verlaufen. Der mutmaßliche Täter wurde in Schutz genommen, das Opfer als Lügnerin dargestellt. Das übliche Programm: Sie wolle nur Aufmerksamkeit, sei als Pornodarstellerin unglaubwürdig und zerstöre die Familie und Karriere eines unschuldigen Mannes. Samras Label Universal Music veröffentlichte ein lahmes Statement, in dem „jede Form von Gewalt“ verurteilt wurde. Es war widerlich, es war wie immer. Wie oft wurden wir öffentlich Zeug*innen von Victim Blaming und Täterschutz. Sexuelle Gewalt ist kaum zu beweisen, die wenigsten Opfer gehen überhaupt zur Polizei. Verurteilungen passieren nur absolut selten. Es wird gefragt, was das Opfer anhatte, ob sie betrunken war oder Drogen genommen hatte. Es geht darum, wie sehr sie sich wehrte oder warum sie nicht gleich am nächsten Tag etwas gesagt hätte. Die alte Shitshow, wie gesagt.

Doch diesmal scheint es etwas anders zu laufen. Insbesondere Frauen solidarisieren sich mit Nika Irani. Ein Fundraising wurde ins Leben gerufen, um ihr juristischen Beistand zu finanzieren (Samra hatte angekündigt, juristisch gegen die Beschuldigung vorzugehen), auf Instagram gründete sich @deutschrapmetoo, eine Plattform, die Betroffenen Unterstützung bieten will, die den Mut aufbringen, öffentlich zu sprechen. Am Freitag verkündete Universal, die Zusammenarbeit mit Samra ruhen lassen zu wollen, bis die Vorwürfe geklärt seien. Es liegt was in der Luft und es scheint der Angstschweiß der Männer zu sein, die sich auf einmal nicht mehr ganz so sicher fühlen in einem Business, in dem Frauen wie selbstverständlich in „Heilige“ (Mutter) und „Huren“ („Bitches“) aufgeteilt werden. Ein Business, das Frauenverachtung zum Kassenschlager gemacht hat. Es sind längst nicht nur die Rapper, die nun zittern sollten, es sind genauso die Manager, die Labelchefs, die Tourmanager, die Redakteure der Hip-Hop-Magazine und die Regisseure der Musikvideos. Und wenn ich mir was wünschen darf: beschränken wir uns nicht auf den Deutschrap. Während nun irgendwelche Maltes meinen, mit dem Finger auf das Schmuddelkind Hip Hop zeigen zu dürfen, vergessen sie, vor ihrer eigenen Türe der Theater-, Schlager-, Indie-Szene zu kehren. So zu tun, als seien Sexismus und Misogynie allein ein Problem von Deutschrap, zeugt gleichermaßen von Ignoranz und von Rassismus.

Samstag, 19. Juni

Apropos MeToo. Gestern spielte die deutsche Nationalmannschaft der Männer ihr EM-Gruppenspiel gegen Portugal. Eine gute Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass Portugals Superstar Christiano Ronaldo Kathryn Mayorga 375.000 Dollar „Schweigegeld“ bezahlt hat, damit sie die außergerichtliche Einigung unterschreibt. Mayorga hatte Cristiano Ronaldo vorgeworfen, sie 2009 in Las Vegas vergewaltigt zu haben. Sie hatte ihn gleich am nächsten Tag angezeigt, letztlich aber dem Druck von Ronaldos Anwälten nachgegeben und die Zahlung akzeptiert. Das war 2010. 2018 hatte Kathryn Mayorga die Vorwürfe erneuert, da sie sich durch MeToo ermutigt gefühlt habe, doch noch Gerechtigkeit zu bekommen. Eine Anklage wurde allerdings nicht erhoben, da sich die Vorwürfe nicht zweifelsfrei beweisen ließen.

Die Magie von NDAs („Non Disclosure Agreements“) wusste auch ein deutscher Nationalspieler für sich zu nutzen. Jerome Boateng wurde von Joachim Löw dieses Jahr zwar nicht nominiert, allerdings aus rein sportlichen Gründen. Dass er seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt dazu zwang, ein NDA zu unterschreiben, ca. sechs Wochen, bevor sie sich das Leben nahm, hat mit der Entscheidung des Bundestrainers natürlich nix zu tun. Gegen Boateng, der in der Vergangenheit schon wegen häuslicher Gewalt vor Gericht stand (schwere Körperverletzung gegen seine Ex-Partnerin Sherin S.), wird noch immer wegen vorsätzlicher Körperverletzung ermittelt. Jogi Löw sagte vor EM-Start über Jerome Boateng: „Ich denke mit dem allergrößten Respekt über ihn“.

Sonntag, 20. Juni

Ein bisschen viel Fußball diese Woche, tut mir leid. Aber die Meldung von heute, dass die UEFA überlegt gegen den deutschen Verband ein Verfahren einzuleiten, weil Manuel Neuer eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben getragen hat, kann ich hier nicht ignorieren. Der verlogene Haufen der UEFA prüft Medienberichten zufolge einen möglichen Verstoß gegen „sportfremde Kundgebungen“. Die Regenbogenbinde als politisches Symbol zu werten, dass gegen die „Allgemeinen Verhaltensgrundsätze“ der UEFA verstößt, wäre schon ein starkes Stück, mitten im „Pride-Month“. Aber ich traue diesen reaktionären Herren alles zu. Unabhängig davon, geht mir die Symbolpolitik des DFB allerdings ganz schön auf die Nerven. Diese Form des „rainbow washings“ kann meiner Meinung nach nicht darüber hinweg täuschen, dass dem DFB die Menschenrechte schlicht und ergreifend egal sind. Wer eine WM in Katar spielt, kann sich seine Regenbogenbinde sonst wohin stecken.

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