Elke und die weißen Wanderer
Emilia Roig und Sarah-Lee Heinrich standen diese Woche besonders im Fokus rassistischer Attacken. (Illustrationen von mir.)

Elke und die weißen Wanderer

Elke Heidenreich zeigte bei Lanz, dass auch Frauen Alte weiße MännerTM sein können und bei Springer echauffiert man sich über eine Wahrnehmung des deutschen Wanderwesens. Die Köpi ist Geschichte und Wölki kassiert Steuergelder fürs Rumsitzen. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW41

Montag, 11. Oktober

Najla Bouden Romdhan ist die erste Frau an der Spitze des tunesischen Kabinetts. Die 63-jährige Geologie-Professorin wurde am Montag offiziell als Premierministerin vereidigt. Romdhan wurde bereits vor Wochen ernannt, von Tunesiens Präsident Kaïs Saïed. Dieser hatte Ende Juli eine politische Krise ausgelöst, als er den Premierminister entlassen und das Parlament geschlossen hatte. Am 22. September erließ er ein Dekret, das ihm selbst außerordentliche Befugnisse einräumte und die meisten Entscheidungen unter seine Kontrolle brachte. Saïed bezeichnete die Nominierung von Najla Bouden Romdhan als „Ehre für Tunesien und Anerkennung für die tunesischen Frauen“. Die Ernennung folgt möglicherweise einer zuletzt beliebter werdenden Taktik autoritärer Machthaber, die kurzgefasst als „Pinkwashing“ bezeichnet werden kann. Der Autoritarismus nutzt den angeblich progressiven Anstrich „pro Frauen“, um westliche Verbündete zufriedenzustellen und die islamistische Opposition als „rückständiger“ dastehen zu lassen. Die Inszenierung vermeintlich mächtiger Frauen lässt es so aussehen, als würde die autoritäre Führung Frauenrechte schützen. In Wahrheit sichern sich die Machthaber aber nur das Fortbestehen ihres Regimes. Eine Untersuchung der Washington Post legt nahe, dass die Taktik des Pinkwashings ein wirksames Instrument ist, antidemokratischen Positionen eine gewisse Legitimität zu verleihen.

Dienstag, 12. Oktober

Dass man auch als Frau wunderbar als alter weißer MannTM durchgehen kann, hat Elke Heidenreich am Dienstag bei Markus Lanz eindrucksvoll bewiesen. Die 78-jährige Autorin und Literaturkritikerin ließ vor laufenden Kameras eine rassistische Tirade vom Stapel, wie sie wahrscheinlich selbst Alice Weidel peinlich wäre. Über die gerade gewählte Sprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, sagte Heidenreich:

„Sie hat überhaupt keine Sprache, sie kann gar nicht sprechen, haben wir gerade gesehen. Das sind wieder Kinder, die nicht lesen. Diese Generation, von der ich immer wieder merke, wie sprachlos sie ist, wie unfähig mit Worten umzugehen. (…) Wenn einer aussieht, wie sie, dann frage ich natürlich, wo kommst du her? Oder wo kommen Sie her? Und zwar nicht, um sie zu diskriminieren, alle sind immer sofort diskriminiert und beleidigt, sondern weil ich sofort sehe, die kommt nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal, die hat Eltern, die von woanders kommen. Und ich finde das keine diskriminierende Frage. Wenn ich einen netten dunkelhäutigen Taxifahrer habe, der perfekt Kölsch spricht und ich sach‘, Wo kommen Sie eigentlich her, und der [irgendwas Unverständliches] aus Marokko. Ich finde da kein Problem, dass man fragt, weil man sieht es ja. Das gehört doch zu uns dazu und ich finde das wunderbar, dass wir so viele Menschen aus andern Ländern hier haben, die bei uns leben und sich ja auch, so wie Sarah, engagieren bei den Grünen.“

Sarah-Lee Heinrich, die von Heidenreich als „dieses Mädchen“ bezeichnet wird, ist 20 Jahre alt, Schwarze Deutsche, geboren in Iserlohn. Einen Migrationshintergrund hat sie nicht. Elke Heidenreich sagt: „Ich habe das Gefühl, dass das ein Mädchen ist, das nicht genug nachdenkt, das hat überhaupt nichts mit Migration oder Herkunft“ – da unterbricht sie Lanz und sagt: „Sprecherin der Grünen Jugend“. Daraufhin Heidenreich: „Jaja, Sprecherin der Grünen Jugend, sie kann ja gar nicht sprechen. Sie muss ja erstmal lernen, richtig zu formulieren. Und das macht mich skeptisch. Dass man sagt ‚Hauptsache divers‘, ‚Hauptsache Migrationshintergrund‘, ‚Hauptsache Quote‘, das ist eben der falsche Weg“. Sarah-Lee Heinrich hatte sich in einer Talkrunde auf die „eklige weiße Mehrheitsgesellschaft“ bezogen und dass sie damit recht hat, hat Elke Heidenreich perfekt illustriert. Diese widerliche Arroganz der weißen Frau, die eine Schwarze Frau als „Mädchen“ bezeichnet, ihr abspricht, eine echte Deutsche zu sein und sie als jemanden, der nicht sprechen könne, nicht nachdenken würde, beleidigt, ist Rassismus in seiner reinsten und gleichzeitig völlig alltäglichen Form. Das zeigt sich auch daran, dass niemand in der (übrigens rein weißen) Runde ihr widerspricht. Nur Jürgen Trittin versucht höflich einzulenken und weißt darauf hin, dass „diese Menschen“ die ständige Fragerei nach der Herkunft im täglichen Leben als ausgrenzend „empfinden“. Wenn Elke Heidenreich doch so sehr daran gelegen ist, dass Mensch Bücher lesen, sollte sie vielleicht selbst auch mal eins lesen. „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ von Alice Hasters (übrigens Deutsche, geboren in Köln) oder „Exit Racism“ von Tupoka Ogette (Deutsche, geboren in Leipzig) würde ich ihr sehr empfehlen.

Mittwoch, 13. Oktober

Während im ZDF bei Lanz vier weiße Personen der fünften dabei zuhörten, wie sie ihren Rassismuskübel über Sarah-Lee Heinrich ausschüttete, saßen ebenfalls am Dienstag fünf andere weiße Leute bei „BILD TV“ zusammen und hetzten gegen Emilia Roig, Politologin, Sachbuchautorin und Gründerin des Center for Intersectional Justice“ e. V. in Berlin. Der Grund: Emilia Roig ist Mitglied im Rat des „Explore Funds“ der Outdoormarke „The North Face“. Das Ziel des Councils ist, Outdoor-Aktivitäten, wie u.a. Wandern, inklusiver zu gestalten und Ideen, Pläne und Empfehlungen zu entwickeln, um das Entdecken der Natur aus nicht-weißer Perspektive zu ermöglichen und zu fördern. The North Face hat aus diesem Anlass auf Instagram ein Zitat von Emilia Roig gepostet:

„Wandern und Outdoor-Aktivitäten werden als eine weiße, männliche und bürgerliche Domäne wahrgenommen, die für viele Menschen weder zugänglich noch einladend ist. Das muss sich ändern, denn die Natur gehört niemandem.“

Emilia Roig

Diese banale Wahrheit brachte die eklige weiße Mehrheitsgesellschaft zum Kochen. Eine Welle des Hasses schlug am Mittwoch über Emilia Roig herein und ergoss sich nach Ausstrahlung des BILD-Spots in der Kommentarspalte von The North Face auf Social Media. Anstatt, dass sich die privilegierten A____löcher von Springer mal ernsthaft damit auseinandersetzen, warum Wandern aus Sicht vieler marginalisierter Menschen ein weiß-männliches Hoheitsgebiet ist, lassen sie sich in ekliger und wirklich komplett uninformierter Weise erst über die Critical Race Theory, dann über „das ganz große Problem unserer Zeit“ aus, das darin bestünde, dass sich Unternehmer nicht mehr trauen zu sagen bei uns wird nicht gegendert, sondern jeder macht das mit, weil die linken Stimmen so laut sind“. Sie faseln was davon, dass man nicht mehr Schach spielen dürfe, weil da Weiß beginnt und steigern sich zu „Ethno-Mathematik“. Hans-Ulrich Jörges empfiehlt, mit dem Zug von Berlin nach Stuttgart zu fahren und aus dem Fenster zu gucken, weil da sähe man an den Häusern und Gärten und Gardinen(!), „wo normale Menschen leben“. Diese „normalen Menschen“ sollten eine „Bewegung“ bilden, die „zurückschlägt“ gegen diese Entwicklung. „Wir dürfen die auch nicht auskommen lassen, in Berlin, mit dem was sie hier anrichten“. Klingt bissl faschistisch, wenn ihr mich fragt. So viel entsetzliche Zurschaustellung von Nichts-begriffen-Haben habe ich lange nicht mehr gesehen. Wenn ihr es aushalten könnt, guckt diese knapp zehn Minuten, aber werft es hinterher nicht mir vor, wenn ihr auf euren Bildschirm gekotzt habt.

The North Face konnte oder wollte sein Ratsmitglied nicht schützen. Während zahlreiche engagierte Menschen in den Kommentaren gegenredeten und sich dem unverhohlenen Rassismus entgegenstellten, tat die Social Media Abteilung des Konzerns lange nichts, bis sie irgendwann alle Kommentare (auch die Gegenrede) ohne ein weiteres Wort löschten. Emilia Roig hat mit ihrer Beobachtung definitiv einen wunden Punkt erwischt. Dass sie Recht hat, zeigte beispielhaft dieser Kommentar unter dem North Face Post: „Wandern und Outdooraktivitäten werden als weiße Domäne wahrgenommen weil es Weiße sind, die die Schönheit der Wälder zu schätzen wissen, und in ihrer Historie berüchtigt dafür sind, das Leben durch Erklimmen der Berge zu exaltieren, das Weite und Hohe zu suchen, zu erobern, zu entdecken, Rekorde zu brechen. Dass andere Gesellschaften in ihren sesshaften matriarchalen Strukturen feststecken oder das andere lieber am Alexanderplatz oder sonstwo rumlungern, dafür kann keiner was außer die selber. Die Natur, vor allem die menschliche Natur, interessiert sich nicht für eure vagen, wackeligen Ausgeburten von Ideen wie ‚Gleichberechtigung‘.“ Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Donnerstag, 14. Oktober

Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki, der derzeit eine Auszeit nimmt, um über die Massenvergewaltigung von Kindern in der katholischen Kirche nachzudenken, weiterhin seine vollen Bezüge erhält. Das Bruttogehalt in Höhe von 13.771 Euro monatlich zahlt der Staat, nicht die Kirche. Es wird komplett aus Steuergeldern finanziert. Die Begründung für die Lohnfortzahlung: der Kardinal sei ja weiterhin im Amt, nicht im Urlaub, es handele sich um eine geistliche Auszeit, die dienstlichen Charakter habe. Die sprunghaft angestiegene Zahl der Kirchenaustritte in Köln ist da nur ein kleiner Trost, wenn ich sowas lese.

Freitag, 15. Oktober

Am Freitag kam es zu einem Femizid in Lüneburg. Ein 37-jähriger Mann hat mutmaßlich seine 36-jährige Lebensgefährtin und ihr ungeborenes Kind mit einem Messer getötet. Die Staatsanwaltschaft hat einen Haftbefehl gegen den Mann erlassen.

Bereits am vergangenen Sonntagabend kam es in Essen ebenfalls zu einem Femizid. Eine 25-jährige Frau wurde in einer Wohnung getötet. Tatverdächtig ist ein 24-Jähriger, der bereits gestanden haben soll. Der Mann war in der Vergangenheit schon mehrfach wegen Gewaltdelikten polizeilich in Erscheinung getreten, auch gegen die nun Getötete.

Auch am Freitag

In Berlin wurde erneut das Profitinteresse eines Einzelnen über das Recht auf Wohnen Vieler gestellt. Mit ganzer Härte der Staatsgewalt wurden die rund 50 Leute, die auf dem Gelände der „Köpi“ in der Köpenicker Straße wohnten, geräumt. Der rechtliche Eigentümer des Grundstücks, die Startezia GmbH, offenbar ein Geflecht aus Briefkastenfirmen, hinter denen der Investor Siegried Nehls steckt, hatte die Räumung vor Gericht erstritten, also beeilte sich der SPD-Innenminister die Bewohner*innen aus dem seit 1990 besetzten und 1991 legalisierten Haus zu werfen. Er schickte 2.000 Polizist*innen, Wasserwerfer, einen Rollpanzer und ein Panzerfahrzeug mit einer riesigen Schaufel, um Haus und Grundstück für die GmbH von lästigen Menschen zu befreien. Auf Kosten der Steuerzahler*innen, versteht sich. In einer gerechten Welt wäre es ein Skandal, dass die Stadt Berlin mehrere Dutzend Menschen gewaltsam obdachlos macht, um das Kapitalinteresse eines kriminellen „Finanzjongleurs“ durchzusetzen, der die Köpi als Teil eines Immobilienpakets bereits für 100 Millionen Euro anderen Spekulant*innen zum Kauf anbietet. Nehls stand 2015 wegen des Vorwurfs des Missbrauchs von Titeln und Urkundenfälschung vor Gericht, seine Firma Sanus AG hatte Verbindungen zur S&K-Gruppe, der wegen schwerer Betrugs- und Spekulationsvorwürfe der Prozess gemacht wurde. Nehls war einer der Hauptbeschuldigten in den Ermittlungen gegen die S&K-Gruppe, die 240 Millionen Euro ergaunert haben soll. Für mehrere Bauprojekte in Berlin soll er sogenannte „Generalunternehmer“ damit beauftragt haben, kleinere Handwerksbetriebe als Subunternehmer auf seinen Baustellen anzustellen. Waren die Bauarbeiten abgeschlossen, gingen die „Generalunternehmer“ in Konkurs und die Handwerksbetriebe leer aus.

Samstag, 16. Oktober

In Reaktion auf einen rechtsextremistischen Angriff auf ein Gewerkschaftshaus in Rom am vergangenen Wochenende gingen diesen Samstag fast 100.000 Menschen unter dem Motto „Nie wieder Faschismus“ („Mai più fascismi“) auf die Straße.

Sonntag, 17. Oktober

Heute wäre Mercedes Kierpacz 36 Jahre alt geworden. Mercedes ist eines der neun Opfer, die am 19. Februar 2020 durch einen rassistischen Anschlag in Hanau ermordet wurden. Mercedes Kierpacz war deutsche Staatsbürgerin und Angehörige der Minderheit Roma. Sie wuchs in Hanau auf und ging hier auch zur Schule. Sie hinterließ einen damals 17 Jahre alten Sohn und eine dreijährige Tochter. Ihre Freundin Jade beschrieb Mercedes Kierpacz als eine Frau mit starker Persönlichkeit: „Sie war auch sehr offen und sympathisch. Man hat sich in ihrer Nähe sofort wohlgefühlt.“

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