Cancelt doch mal Agenturensöhne
Eigene Illustration

Cancelt doch mal Agenturensöhne

Im Wochenrückblick aus feministischer Perspektive geht es dieses Mal u.a. um die Agenturensöhne von „Scholz & Friends“, den zweifelhaften Erfolg linker „Meinungsdiktatur“ und die Bundesärztekammer. Ein bisschen Inspiration zur Inspiration gibt’s obendrauf. #KW32

Montag, 3. August
Am Montag trendete #mansplaining auf Twitter. Thảo Trần hatte am Sonntagnachmittag gefragt: „Was war eure absurdeste Mansplaining-Erfahrung?“ Die Antworten sind meist lustig, zeigen aber auch, wie verbreitet Mansplaining ist.

https://twitter.com/AnnaKramper/status/1291057932612907008?s=20
https://twitter.com/Caro_t_Cake/status/1290203560119078919?s=20

Mansplaining ist keine einfache Besserwisserei, es beschreibt vielmehr das Verhalten von (manchen) Männern, Frauen Dinge zu erklären, die die Frau bereits weiß, oder sogar besser weiß, weil es sich um ihr Fachgebiet handelt. Rebecca Solnit beschrieb das Phänomen 2008 in ihrem Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“. Den Begriff Mansplaining verwendet sie darin nicht, trotzdem kann man wohl sagen, dass sie das Thema in den Mainstream brachte. Solnit teilt dabei nicht nur ihre eigenen Erfahrungen mit Mansplainern, sie macht zudem deutlich, wie dieses Verhalten dafür sorgt, Frauen zu verunsichern und letztlich zum Schweigen zu bringen.

Mansplaining ist dabei nur ein Teil einer Kultur, in der Aussagen von Frauen weniger Glauben geschenkt wird, als der von Männern. Frauen wird das Gefühl gegeben, sie hätten etwas nicht verstanden oder sie seien zu emotional, um einen Sachverhalt rational zu bewerten. Dadurch werden Frauen niedergedrückt, kleingehalten und mundtot gemacht. Das Thema geht weit über akademische Debatten oder Fachdiskussionen im Baumarkt hinaus. Solnit erzählt:

„Es gab zwei Situationen zu jener Zeit, in denen ich gegen das Verhalten eines Mannes protestierte, nur um mitgeteilt zu bekommen, dass sich keineswegs zugetragen habe, was ich behauptete, vielmehr sei ich subjektiv paranoid, überreizt, unaufrichtig – kurz: weiblich.“

Rebecca Solnit in „Wenn Männer mir die Welt erklären“

Dienstag, 4. August
Ellen Fokkema ist die erste Frau, die offiziell in einer Männermannschaft Fußballspielen darf. Die 19-Jährige war bereits zwei Mal mit ihrem Antrag beim niederländischen Verband KNVB gescheitert, der dritte Versuch war nun erfolgreich. Zumindest vorerst. Fokkema darf erstmal ein Jahr lang im Männerfußball mitspielen, wenn das „Pilotprojekt“ gelingt, will der Verband das Regelwerk entsprechend anpassen.

Ellen Fokkema spielt seit ihrem fünften Lebensjahr beim Dorfclub Foarut Menaam – immer gemeinsam mit den Jungs. Mit 19 Jahren wechseln die Jungen in den Männerbereich, dieser Zugang bleibt Frauen bislang verwehrt. Der Wunsch von Fokkema und ihrem Verein ist keine exotische Ausnahme, der KNVB erhält nach eigenen Angaben jedes Jahr Anträge von Spielerinnen, die gemeinsam mit ihren männlichen Teamkameraden in die „Kategorie A“ wechseln möchten. Art Langeler, zuständig für Fußballentwicklung beim KNVB sagt: „Der KNVB steht für Vielfalt und Gleichheit. Wir glauben, dass in jeder Hinsicht Platz für alle sein sollte. Darüber hinaus gibt es in diesen Fällen eine schöne sportliche Herausforderung, die wir nicht blockieren wollen.“

In den Niederlanden gibt es seit 1986 gemischte Mannschaften im Spielbetrieb. Seit 1995 dürfen gemischte Teams auch im Erwachsenenbereich antreten, allerdings bislang nur in der „Kategorie B“ des Amateurfußballs. Die Aufhebung der Geschlechtertrennung im Jugendbereich trägt maßgeblich dazu bei, dass Mädchen das Fußballspielen nicht aufgeben, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Gerade im ländlichen Raum kommen oft gar nicht genug Mädchen für rein-weibliche Teams zusammen. „Heutzutage ist es für Jungen und Mädchen ganz normal, zusammen Fußball zu spielen“, erklärt der KVNB.

In Deutschland erlauben es die DFB-Statuten Mädchen bis zur B-Jugend bei den Jungs mitzuspielen.

Mittwoch, 5. August
In Linsengericht (Hessen) wurde ein 39-Jähriger festgenommen, der dringend tatverdächtig ist, seine Ex-Freundin mit mehreren Messerstichen getötet zu haben. Die Leiche der 47-Jährigen wurde bereits am 22. Juli in ihrer Wohnung in Erlensee gefunden, zunächst hatten die Ermittler*innen keine konkrete Spur.

Ein 69-Jähriger aus der Nähe von Augsburg wird verdächtigt, seine Ex-Frau ermordet zu haben. Der Täter wurde schwerverletzt in der Herrentoilette eines Hotels gefunden, wo er offenbar versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Die Polizei fuhr daraufhin zum Wohnhaus der Ex-Frau. Die 66-Jährige wurde dort tot aufgefunden. Mehr Angaben machte die Polizei bislang nicht.

Weitere Femizide, die es in dieser Woche in die mediale Berichterstattung schafften: Rottweil, Aalst und Ladendorf

Donnerstag, 6. August
In der neuen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist eine Recherche von Ann-Kathrin Nezik über das sexistische Klima in der Werbeagentur „Scholz & Friends“ erschienen. Darin kommen etliche (ehemalige) Mitarbeiterinnen zu Wort, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse schildern. Sie beschreiben „eine Kultur, in der männliche Führungskräfte immer wieder Grenzen überschritten und Kolleginnen sowie Frauen im Allgemeinen herabwürdigten“. Der Artikel ist leider nur für Abonnent*innen zugänglich und ich möchte hier jetzt keine ausführliche Zusammenfassung schreiben. Die Kurzfassung: Während „Scholz & Friends“ sich nach Außen gern als Vorreiter im Kampf für die Gleichstellung präsentiert (bspw. mit Kampagnen für das Unternehmen „The Female Company“) sieht es intern ziemlich düster aus. Frauen seien von einer männlichen Führungskraft in „Barbaras“ (hätten was im Kopf) und „Uschis“ (würden in erster Linie gut aussehen) eingeteilt worden, ein leitender Kreativer habe auf einer Weihnachtsfeier auf der Bühne seinen Penis rausgeholt, um darauf Luftgitarre zu spielen und überhaupt gäbe es „bei Scholz & Friends eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin: „Ich hatte das Gefühl, dass Männer sich dort alles erlauben können“.

Einen Tag vor der Veröffentlichung des Artikels tat „Scholz & Friends“ das, was von Marketingstrateg*innen zu erwarten ist: Ohne auf die Vorwürfe einzugehen, wurde verkündet, dass zwei Frauen ins oberste Management berufen wurden. Damit werden ab September drei von dann 12 Mitgliedern des „Partnerboards“ weiblich sein. Agenturensöhne tun, was Agenturensöhne tun.

Noch mal Donnerstag:
In Polen hat der wiedergewählte(?) Präsident Andrzej Duda den Eid für die zweite Amtszeit abgelegt. Die Opposition blieb der Vereidigung teilweise fern. Die Abgeordneten der Linksfraktion hatten sich aus Protest in Regenbogenfarben gekleidet.

https://twitter.com/jagodamarinic/status/1291977877525803009?s=20

Freitag, 7. August
Über ein Jahr nach dem sogenannten „Kompromiss“ zum Paragrafen 219a berichtet die Tagesschau über den Stand der Dinge. Damals war entschieden worden, dass Gynäkolog*innen weiterhin nicht über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen. Auf ihren Webseiten dürfen Praxen und Krankenhäuser maximal mitteilen, dass sie Abbrüche durchführen, aber nicht wie, d.h. mit welchen Methoden. Zudem wurde beschlossen, dass eine die Bundesärztekammer eine Liste anbieten soll, die alle Praxen aufführt. Auf dieser Liste sollen neben Adresse auch das Verfahren genannt werden.

In Deutschland gibt es rund 26.000 Frauenärzt*innen, bei der Bundesärztekammer sind aktuell nur 327 Praxen gelistet.

Der Paragraf 219a muss endlich ersatzlos gestrichen werden. Er kriminalisiert Ärzt*innen und schenkt das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ein. Es ist ein Skandal, dass Schwangerschaftsabbrüche überhaupt im Strafrecht geregelt werden. Die Selbstbestimmung von Frauen bzw. Menschen mit Uterus wird damit massiv beschnitten. Viele wissen gar nicht, dass Abtreibungen in Deutschland nach § 218 verboten sind. Darin heißt es in Absatz 1:

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Handlungen, deren Wirkung vor Abschluß der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.“

§ 218 StGB

In § 218a wird das absolute Verbot insofern „abgemildert“, dass eine Abtreibung unter bestimmten Umständen straffrei bleibt. Verboten ist sie nach deutschem Recht aber trotzdem. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung fordert daher nicht nur „Weg mit § 219a“, sondern setzt sich auch für eine Debatte über § 218 ein und letztlich für dessen Streichung.

„Die Paragrafen stammen aus einer Zeit, in der das Menschenrecht auf reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung nicht existierte. Mit Paragraf 218 wird seit über hundert Jahren in Leib und Leben von Frauen* eingegriffen und Bevölkerungspolitik gemacht und mit Paragraf 219a wollten Nationalsozialisten 1933 unter anderem gegen jüdische, kommunistische und liberale Ärzt*innen vorgehen, die Schwangerschaftsabbrüche vornahmen.“

Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

Samstag, 8. August
Thema des Tages (mal wieder): Cancel Culture. Die hoe_mies haben dem Thema ihre aktuelle und sehr hörenswerte Podcast-Folge gewidmet.

Kurze Zusammenfassung des Sachverhalts: Die Kabarettistin Lisa Eckhart sollte ursprünglich bei einem Hamburger Literaturfestival lesen, wurde aber, nachdem es andere Künstler*innen ablehnten mit ihr die Bühne zu teilen, wieder ausgeladen. Lisa Eckhart, die ihre Witze auf Kosten von marginalisierten Gruppen reißt, die wiederholt antisemitische und rassistische Klischees reproduziert, sollte dann eine Solo-Lesung erhalten, die wiederum abgesagt wurde. Es hätte Drohungen gegeben, „vom schwarzen Block“ und „der Antifa“. Natürlich schwangen sich sogleich die üblichen Mitglieder des rechtskonservativen Alte-Weiße-Männer-Clubs (AWM) zur Rettung der blonden Österreicherin und der, angeblich kurz vor der finalen Ausrottung stehenden, Meinungsfreiheit auf. Nach Dieter Nuhr wäre das der nächste Fall, in dem der linksversiffte Twitter-Mob die Karrieren und Leben von aufrechten Künstler*innen zerstören wolle. Dass der Veranstaltungsort „Nochtspeicher“ in einer Pressemitteilung klarstellte, dass die Absage aus eigenem Ermessen, nach „besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft“ und nicht wegen Drohungen abgesagt wurde, interessiert die Hüter der angeblich bedrohten Redefreiheit natürlich nicht. Genauso wenig wie ihre eigene Doppelmoral.

Die Morddrohungen, die die Kabarettistin İdil Baydar regelmäßig erhält, ignorieren sie genauso wie die Tatsache, dass die so gefürchtete Cancel Culture noch nie dazu beigetragen hätte, jemanden tatsächlich zu canceln. Die „linke Meinungsdiktatur“ hat weder dafür gesorgt, dass Sarrazin nicht mehr in Talkshows eingeladen wird, noch wurde Harald Martenstein vom Tagesspiegel gefeuert. Die, die jetzt „Cancel Culture“ schreien, haben übrigens kürzlich noch dafür gesorgt, dass das „Umweltsau“-Video vom WDR zurückgezogen wurde und der Intendant sich öffentlich entschuldigte.

Während Rassismus und Antisemitismus inzwischen als legitime Meinung durchgewunken werden, Nazis im Bundestag sitzen, der NSU 2.0 Morddrohungen verschickt (mit freundlicher Unterstützung der Polizei) und Journalist*innen on- und offline vom rechten Mob angegriffen werden, wird von den AWM das Ende der Meinungsfreiheit beklagt. Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass es bei der Debatte nur darum geht, die niederträchtigste Menschenfeindlichkeit uneingeschränkt salonfähig zu machen.

Sonntag, 9. August

„Vielleicht ist meine Leidenschaft nicht besonders, aber zumindest ist sie meine.“

Tove Jansson (1914 – 2201)

Heute vor 106 Jahren wurde Tove Jansson geboren. Die finnische Malerin, Autorin, Comiczeichnerin und Erfinderin der „Mumins“ ist eine Ikone und ein Vorbild in Sachen selbstbestimmtes Leben und Lieben. In einer tief homophoben Gesellschaft, in der Homosexualität bis Anfang der 1970er Jahre unter Strafe stand, schrieb die damals 32-Jährige 1946 in einem Brief an ihre Freundin „Aber jetzt bin ich wahnsinnig verliebt in eine Frau. Und es erscheint mir völlig natürlich und echt, es stellt kein Problem dar. Ich bin nur stolz und unendlich froh.“

Tove Jansson war eigensinnig, selbstbestimmt, kreativ, lebenslustig und frei. Für mich ist sie in jeder Hinsicht ein Richtstern. Wer noch nie von Tove Jansson gehört hat, kann diesen heißen Sonntag dafür nutzen sie kennenzulernen. Die Portraits in der FAZ und im Tagesspiegel anlässlich ihres 100. Geburtstag bieten einen guten Einstieg, aber auch der ziemlich ausführliche Wikipedia-Artikel und dieser einstündige Film der BBC:

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