„In einer idealen Welt bräuchte es das Projekt gar nicht“

„In einer idealen Welt bräuchte es das Projekt gar nicht“

Queermed Deutschland ist eine Plattform, auf der queerfreundliche Ärzt*innen und Therapeut*innen empfohlen werden. Gründerin Sara Grzybek erzählt, warum es gerade im Gesundheitssystem wichtig ist, diskriminierungssensible Räume zu schaffen und was es braucht, um eine Praxis zum Safe Space zu machen.

Was ist Queermed Deutschland?

Queermed Deutschland ist ein Onlineverzeichnis für queer- und transfreundliche Ärzt*innen, Therapeut*innen & Praxen. Queere Menschen und trans Personen, Schwarze Menschen und People of Color, behinderte oder chronisch kranke Menschen, Sexarbeiter*innen, mehr- oder wenigergewichtige Personen oder Menschen mit internationalem Hintergrund machen im Gesundheitssystem häufig schlechte Erfahrungen oder werden unsensibel behandelt. Queermed Deutschland ist eine Plattform für alle auf der Suche nach diskriminierungsfreier und respektvoller Behandlung.

Wie bist Du auf die Idee gekommen Queermed Deutschland ins Leben zu rufen?

Queermed ist nichts von mir Erfundenes. Im März bin ich über Instagram auf Queermed Österreich aufmerksam geworden. Ich habe mir die Seite angeguckt und der erste Gedanke war: Warum gibt es das nicht in Deutschland? Ich habe dann dem Leiter des Projekts, Julius, direkt eine Nachricht geschrieben: Hey, können wir uns austauschen? Ich würde gerne mehr darüber erfahren! Julius hat sich viel Zeit genommen und mir erklärt, wie das Projekt funktioniert, wie die Seite aufgebaut ist und er hat mich auf Gynformation aufmerksam gemacht. Gynformation versammelt gynäkologisch arbeitende Praxen und Einrichtungen. Das ist ein total wichtiges Angebot für viele Menschen, hinsichtlich Abtreibungen zum Beispiel oder Kinderwunsch, für Frauen, aber auch für trans Männer. Aber Gynformation deckt eben nur den Bereich der gynäkologischen Versorgung ab und mir war es wichtig, Angebote in allen medizinischen Fachrichtungen zusammenzustellen, von Logopädie über Zahnmedizin bis Psychotherapie und auch Allgemeinmedizin.

Und dann hast du einfach losgelegt?

Mit Gynformation und Queermed Österreich habe ich mich viel zu den Pro- und Contra-Argumenten ausgetauscht, ob es sich lohnt, Queermed Deutschland aufzubauen. Denn es war klar, dass es viel Arbeit sein würde und dass es sehr lang dauern würde, bis da die ersten Einträge kommen. Dann sind da auch noch rechtliche Aspekte zu beachten und so weiter. Ich war jedenfalls schnell überzeugt, dass ich das Projekt starten will. Diese Idee vereint einfach so viele Punkte, die mich interessieren. Wie Puzzleteile, bei denen ich lange dachte, die passen nicht zueinander und auf einmal passten sie.

Welche Puzzleteile waren das?

Ich war vor der Coronapandemie ehrenamtlich stark engagiert. Ich habe Simultanübersetzung für Holocaustüberlebende an Schulen gemacht, war in einem queeren Sportverein aktiv, habe deren Webseite und Events betreut und im Mitgliedersupport geholfen. Dann kam die Pandemie und mir hat das soziale Engagement gefehlt. Queermed Deutschland war ideal, weil ich es von zu Hause aus machen kann, nicht zwingend ein Team oder regelmäßige Offline-Veranstaltungen brauche. Und ich konnte mich ein bisschen herausfordern, denn Websitebau ist nicht so mein tägliches Brot. 

Wie bist du dann vorgegangen?

Ich habe erstmal die Domain gesichert, denn mir war es wichtig, dass das Projekt, das Julius in Österreich begonnen hat, unter einem Namen bekannt wird. Vielleicht gibt es das dann bald auch in anderen Ländern. Der Name Queermed funktioniert auch in anderen Sprachen. Nachdem ich die Domain gesichert hatte, musste ich zunächst klären, ob ich das in Deutschland überhaupt machen darf oder ob ich mich da rechtlich gesehen in eine Höhle des Löwen begebe. Ich hatte über Freund*innen Zugang zu rechtlicher Beratung und habe mir da das Check geholt, dass wenn ich darauf achte, dass es Empfehlungen sind und keine rufschädigenden Sachen, dann ist es rechtlich kein Problem. Auf der Seite steht außerdem der Hinweis für gelistete Praxen, dass sie sofort entfernt werden, sollte das gewünscht sein. Die größte Arbeit war dann, die Webseite aufzusetzen. Ende Mai war dann die Seite fertig und ist live gegangen. Ich habe dann relativ schnell einen Instagramaccount eingerichtet und jetzt sind wir Stand heute bei 1.993 Follower*innen und rund 140 Empfehlungen queerfreundlicher Ärzt*innen auf der Webseite.

Warum braucht es queerfreundliche Mediziner*innen?

Es ist so, dass viele Menschen aus der queeren Community, aus der LGBTQIA+ Community, aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen eher anfällig sind für psychische Erkrankungen. Gerade innerhalb der trans Community ist die Suizidrate extrem hoch. Das hat auch damit zu tun, dass sie ständig Diskriminierung erfahren. Wenn dann selbst Praxen keine Safe Spaces für sie sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie bei gesundheitlichen Problemen, psychischer oder physischer Art, keine Hilfe suchen. Das heißt sie kämpfen damit eher alleine. Wenn zum Beispiel eine trans Frau von der Sprechstundenhilfe mit ihrem Deadname angesprochen wird, weil die Krankenkassenkarte auf den alten Namen lautet, ist das eine demütigende Erfahrung für sie, die vielleicht dazu führt, eher nicht mehr ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine queerfreundliche Praxis kann vielleicht ein bisschen die Angst davor nehmen.

Hast du auch persönlich negative Erfahrungen im Gesundheitswesen gemacht?

Ich habe einen Migrationshintergrund, bin selbst eingewandert, und bin als queere Person verheiratet. Ich habe deshalb schon Diskriminierung erfahren, im privaten und beruflichen, aber auch im medizinischen Bereich. Aber ich würde mich selbst als sehr privilegiert ansehen, weil ich cis und weiß bin. Ich weiß aus meinem Freund*innenkreis, zu dem auch trans Personen und BiPoC gehören, dass sie ganz andere Diskriminierungserfahren machen als ich.

Was können behandelnde Personen tun, um ihre Praxis zu einem safe space zu machen?

Zusammen mit Julius von Queermed Österreich habe ich Handlungsempfehlungen für Praxen zusammengestellt, die man auf der Website findet. Der Leitfaden zum diskriminierungssensibilisierten Umgang mit Patient*innen greift sechs Punkte auf, vom Aufbau der Praxis, über gendersensible Sprachregelungen und diversityorientierte Weiterbildung, bis zur Auswahl des Praxispersonals. Dafür gab es auch viel positives Feedback. In einer idealen Welt bräuchte man das Projekt gar nicht. Da wären alle sensibilisiert genug, selbstreflektierend genug, um die Menschen diskriminierungsfrei zu behandeln. Also dieser basic level of respect, den man haben sollte gegenüber jeder Person, gerade wenn man sich in so einem Machtgefälle befindet, bei der die eine Person Hilfe von der anderen braucht.

Was muss darüber hinaus geschehen, um Diskriminierungen im Gesundheitssektor vorzubeugen?

Es kann sehr gut sein, dass das medizinische Curriculum nicht die richtigen Tools an die Hand gibt, um diskriminierungssensibel zu behandeln. Ich bin sicher, dass die medizinische Ausbildung sehr gut ist, wenn es um Fachkenntnisse, um Operationen und Behandlungen geht, aber das Empathische ist auch unheimlich wichtig. Das sollte von der universitären Seite abgedeckt und angeboten werden. Momentan ist es aber so, dass es engagierte Studierende sind, die sich selbst um das Thema kümmern. Ich finde es schön, dass so viele medizinische Studierendenvertretungen auf mich zugekommen sind und sich für Queermed Deustchland interessieren. Da müssen wir ansetzen.

Wie kommen die Empfehlungen auf Queermed Deutschland zustande? Reicht es zu sagen: „Die Orthopädin XY ist ganz cool, die hat mich nach meinen Pronomen gefragt“?

Um eine Empfehlung auf Queermed Deutschland aufnehmen zu lassen, muss die*der Patient*in einen anonymisierten, vierseitigen Fragebogen ausfüllen. Bei der Gestaltung des Fragebogens durfte ich mich dankenswerterweise an Queermed Österreich und Gynformation orientieren. Es fängt an mit Daten zur behandelnden Person, also Daten, die ich auch im Internet finden kann, zum Namen, Fachbereich, Spezialisierungen, gesetzlich/privat und so weiter. Dann werden allgemeine Fragen gestellt, wie „Hast Du Dich immer wohl gefühlt bei der behandelnden Person?“ oder „Wurde diskriminierende Sprache verwendet?“. Außerdem Fragen zur Gestaltung des Anamnesebogens, zum Aufbau der Praxis, etc. Hier geht es auch um Fragen, die insbesondere für trans Personen wichtig sind, wie zum Beispiel zum Umgang mit dem Deadname auf der Krankenkassenkarte. Dann wird gefragt, für welche Behandlung man dort gewesen ist, denn die Seite will ja alle medizinisch-therapeutischen Fachrichtungen abdecken. Am Ende wird man noch um Angaben zur eigenen Person gebeten, also zu welcher Community man sich zugehörig fühlt und für wen man die Empfehlung aussprechen möchte. Also zum Beispiel für nicht-binäre Personen, trans Männlichkeiten, trans Weiblichkeiten, BiPoC, Menschen mit Migrationsgeschichte oder internationalem Hintergrund, Jüd*innen, Muslim*innen, Sexarbeiter*innen, Personen, die aktuelle aktiv Drogen konsumieren, die queere Bandbreite, von Lesbisch, Schwul, Bi, Pan usw., mehr- und hochgewichtige Personen, wenigergewichtige Personen, Menschen mit sexualisierter Gewalterfahrung, aber auch Personen mit positivem HIV-Status oder anderen chronischen Erkrankungen. Überall findest du Kommentarfelder, wo du noch Persönliches hinzufügen kannst, beispielsweise dass die behandelnde Person dich besonders gut bei der Transition begleitet hat oder sich zusätzlich gut in kognitiver Verhaltenstherapie auskennt.

Melden sich auch Ärzt*innen bei Dir, die gerne in die Empfehlungsliste aufgenommen werden wollen?

Grade am Anfang gab es einige behandelnde Personen aus meinem Bekanntenkreis, die sich gemeldet haben und meinten, sie würden dort gerne aufgenommen werden. Ich finde das schwierig, weil man selbst gar nicht sagen kann, welche unconcious bias man hat. Und jetzt, wo die Reichweite größer geworden ist, kommen manchmal Praxen und Personen auf mich zu und fragen, wie sie einen Eintrag auf der Webseite bekommen können. Ich erkläre dann, dass Queermed Deutschland auf Empfehlungen von Patient*innen basiert. Für die Praxen gibt es jetzt deshalb die Sticker, die im Wartebereich ausgelegt werden können, um die Patient*innen auf das Projekt hinzuweisen.

Betreibst Du das Projekt allein? Wie schaffst Du das?

Ich muss sagen, ich bin schon sehr froh, dass ich das finanziell gerade noch selbst stemmen kann. Aber ich merke, dass ich da schon an meine Grenzen komme, gerade was die Druckkosten angeht für die Sticker und das Porto. Ich überlege, ob es sinnvoll wäre, einen Verein zu gründen, weil das externe finanzielle Unterstützung sehr viel einfacher machen würde.

Welche Ziele hast Du gerade mit dem Projekt?

Ich will weiter an der Funktionalität der Seite arbeiten, sie soll leicht zugänglich sein und auch beim schlechten Internet, das wir in manchen Regionen haben, immer verlässlich laden. Ansonsten wünsche ich mir natürlich, dass das Projekt weiterhin so positiv aufgenommen wird und die leeren Flecken, vor allem in den nördlichen und östlichen Bundesländern, mit Empfehlungen gefüllt werden. Es wäre cool, wenn ich die Seite in mindestens zwei Sprachen anbieten könnte.

Wie kann man Dich und Queermed Deutschland unterstützen?

Es gibt inzwischen einen Paypal-Button auf der Webseite, für Leute, die das Projekt finanziell unterstützen wollen. Wichtiger ist mir aber gerade, dass Queermed Deutschland bekannter wird. Ich bin dankbar für jede Person, die dem Projekt eine Plattform gibt, die die Webseite teilt und darauf aufmerksam macht. Denn Queermed lebt davon, dass Menschen davon wissen, dass sie Empfehlungen abgeben und die Plattform für sich nutzen können. Queermed steht und fällt mit der Community.

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