Krisen und Kartoffeln
Naomi Ōsaka gibt ihrer psychischen Gesundheit den Vorrang vor den French Open. Illustration von mir.

Krisen und Kartoffeln

Naomi Ōsaka ist ihre Gesundheit wichtiger als der Grand Slam, die bpb knickt erneut vor Rechten ein und am Tag nach dem Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge holt die AfD in Sachsen-Anhalt 22,7% der Stimmen. Der Wochenrückblick aus feministischer Perspektive. #KW22

Montag, 31. Mai

Naomi Ōsaka hat ihre Teilnahme an den French Open beendet. Damit kam die Tennisspielerin einem möglichen Ausschluss durch den französischen Verband zuvor. Naomi Ōsaka hatte bereits kurz vor Beginn des Turniers auf Instagram erklärt, dass sie nicht an den Pressekonferenzen teilnehmen wolle. Der Grund dafür: Die Journalist*innen nähmen keine Rücksicht auf die psychische Gesundheit der Sportler*innen. Nachdem die Weltranglistenzweite die Partie gegen Patricia Maria Țig am Sonntag gewonnen hatte, blieb sie wie angekündigt der Pressekonferenz fern. Dafür erhielt sie zunächst eine Geldstrafe vom ausrichtenden Verband und es wurde mit härteren Sanktionen gedroht.

Naomi Ōsaka, die erklärte, seit den US Open 2018 immer wieder unter Depressionen zu leiden, sagte, sie habe immer wieder „Wellen der Angst“ gespürt, wenn sie vor der Weltpresse habe auftreten müssen. Der Medienboykott diene dem Schutz ihrer psychischen Gesundheit. Verständnis dafür erhält sie u.a. von Serena Williams, die sagte: „Ich fühle mit Naomi. Ich wünschte, ich könnte sie umarmen, weil ich weiß, wie es sich anfühlt“.

Naomi Ōsaka hat mit ihrer Entscheidung eine Debatte angestoßen, die längst überfällig scheint. Von Athlet*innen der Weltspitze wird noch immer erwartet, dass sie mit den Medien so zusammenarbeiten, wie diese oder die Turnierleitung das vorgeben. Die psychische Gesundheit von Sportler*innen ist in der Regel kein Thema. Sie haben zu funktionieren. Auf dem Feld und im Umgang mit den Medien. Wenn sie sich letzterem verweigern, wird ihnen nicht selten Arroganz vorgeworfen. Die Tatsache, dass einige Weltklasse-Athlet*innen mehrere Millionen schwer sind, sorgt für wenig Mitgefühl seitens der Öffentlichkeit. Das mediale Spektakel sei nun mal der Preis für den Erfolg.

Ich bewundere Naomi Ōsaka für ihren Mut öffentlich über Depressionen und soziale Ängste zu sprechen und sich dem Gegenwind der konservativen Welt des (Tennis-)Sports auszusetzen. Ich wünsche ihr alles Gute und dass ihr Beispiel viele zum Nachdenken bringt, sodass im Leistungssport in Zukunft nicht nur auf die körperliche Fitness eines Menschen geachtet wird, sondern auch auf dessen psychische Gesundheit.

Dienstag, 1. Juni

Der 1. Juni war nicht nur „Kindertag“ in der DDR, es ist auch das Datum, an dem 1961 „die Pille“ in der BRD auf den Markt kam. Das markierte das Ende der sogenannte Babyboomer-Jahre, den fortan gab es für Frauen eine sichere Methode eine Schwangerschaft zu verhindern. Die Antibabypille wurde als Befreiung gefeiert und es ist nicht zu leugnen, dass die Möglichkeit der Empfängnisverhütung eine wichtige Rolle bei der sogenannten sexuellen Revolution spielte. Doch rückblickend muss ich feststellen, dass sich die Befreiung vor allem für (Ehe-)Männer gelohnt hat, die so ungeschützten Sex haben konnten, ohne Sorge vor Vaterschaft. Dass „die Pille“ gravierende Nebenwirkungen, wie Thrombosen, Depressionen, verminderte Libido, Stimmungsschwankungen, hat schien damals wie heute offenbar weniger relevant. Dass Verhütung auch heute noch überwiegend „Frauensache“ ist, zeigt sich daran, dass in der Forschung „Pille für den Mann“ kaum Fortschritte gemacht wurden. Stattdessen wachsen Mädchen mit dem Gefühl auf, „die Pille“ nehmen zu müssen, um nicht „kompliziert“ für Jungs zu sein. Die Initiative Better Birth Control setzt sich dafür ein, dass Verhütung gerechter wird. Unter anderem fordern sie mehr Investition in die Forschung, staatliche Kostenübernahme und mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Mittwoch, 2. Juni

Vor zwei Jahren wurde der Kassler Regierungspräsident Walter Lübcke vom Neonazi Stephan Ernst in seinem eigenen Garten erschossen. Dieser Mord war der Gipfel einer Welle aus Hass, der der CDU-Politiker ausgesetzt war, weil er sich 2015 für die Akzeptanz von Geflüchteten ausgesprochen hatte. Der 1953 geborene Lübcke war zu einer Hassfigur von Rechtsextremen und Rassist*innen geworden, Solidarität aus seiner eigenen Partei erhielt er kaum. Auch nach seiner Ermordung blieb der echte Aufschrei aus. Obwohl der rechtsextreme Terror in Deutschland eine lange Geschichte hat, für CDU/CSU ist er nach wie vor kein Thema für die große Glocke. Der Mord an Walter Lübcke diente manchen Parteikolleg*innen sogar als Vorlage für widerlichen Zynismus, wie Max Otte, der nach der Tat twitterte: „Endlich hat der Mainstream eine neue NSU-Affäre und kann hetzen. Es sieht alles so aus, dass der Mörder ein minderbemittelter Einzeltäter war, aber die Medien hetzen schon jetzt gegen die ‚rechte Szene‘, was auch immer das ist.“ Wenn ich an den schrecklichen Mord an Walter Lübcke denke, denke ich jetzt auch immer daran, dass die CDU selbst dann kein Problem mit Rechtsextremismus erkennen kann, wenn einer der ihren ermordet wird. Das zeigt sich auch daran, dass jetzt zwei Jahre nach der Tat besagter Max Otte zum Chef der Werteunion gewählt wurde und Hans-Georg Maaßen für die Thüringer CDU in den Bundestag will. Maaßen wurde in dieser Woche vom Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes die Verbreitung von Antisemitismus vorgeworfen.

Auch am Mittwoch

Der 2. Juni ist auch Internationaler Hurentag. Zu diesem Anlass möchte ich auf die drei neuen Einträge im Glossar verweisen: Sexarbeit, SWERF und Nordisches Modell.

In Berlin wurde die neu gegründete Gruppe „Aktionskreis Berlin Pro Nordisches Modell“ vorgestellt. Der Zusammenschluss aus dem radikalfeministischen Umfeld der „Frauenrechtsorganisation“ Terre des Femmes setzt sich für die Kriminalisierung von Sexarbeit ein. Warum das der falsche Weg ist, hat u.a. das Deutsche Institut für Menschenrechte aufgeschrieben. Auch die Berliner Beratungsstelle Hydra wehrt sich gegen das sogenannte „Sexkauf-Verbot“.

Donnerstag, 3. Juni

Auch in dieser Woche ereigneten sich wieder mehrere Femizide. Am Donnerstag barg die Polizei die Leiche einer zuvor vermissten 22-Jährigen aus der Weser bei Minden. Die Frau starb offenbar durch Gewalt gegen den Hals, wie die Polizei mitteilte. Der 42-jährige Ehemann gestand die Tötung. Bereits am Montag tötete ein 64-Jähriger offenbar zuerst seine 62-jährige Ehefrau mit einer Kettensäge und anschließend sich selbst. Die Leichen des Ehepaars wurden von der Polizei auf dem gemeinsamen Grundstück in Lanz, einem kleinen Dorf in der Prignitz (Brandenburg), gefunden, nachdem ein telefonischer Hinweis eingegangen war. Am Dienstag teilte die Staatsanwaltschaft Dortmund mit, dass in einer Wohnung die Leiche einer 41-Jährigen gefunden wurde, die dort wohl mehrere Wochen gelegen hatte. Der Lebensgefährte der Getöteten wurde festgenommen. Er sitzt in Untersuchungshaft. 

Diese Woche kam heraus, dass das Gesundheitsministerium untaugliche Schutzmasken an Menschen mit Behinderung, Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger*innen verteilen wollte. Das Ministerium hatte im vergangenen Jahr Masken in geschätztem Wert von einer Milliarde Euro eingekauft, die sich als nutzlos erwiesen haben sollen. Um die „Schrottmasken“ (Der SPIEGEL) loszuwerden, seien diese dem SPD-geführten Arbeitsministerium angeboten worden, das die Masken in einer Sonderaktion u.a. an „Bedürftige“ verteilen sollte. Ich frage mich schon gar nicht mehr, woher diese klassistische und ableistische Menschenverachtung kommt, ich frage mich nur, ob wir davon überhaupt erfahren hätten, wenn die SPD nicht gerade im Wahlkampf wäre.

Freitag, 4. Juni

Das Bundesinnenministerium (das gleiche, das eine Studie über Rassismus in der Polizei verhindert) hat eine Überprüfung des Onlineformats „Say my Name“ der Bundeszentrale für Politische Bildung gefordert. Der Grund: In einem Post auf Instagram zitierte das Format, das sich „an junge Frauen zwischen 14 und 25 Jahren“ richtet, den vom Journalisten und Autor, Mohamed Amjahid, kreierten Begriff der „Süßkartoffel“. Eine „Süßkartoffel“ ist das deutsche Äquivalent zum englischen Begriff „Ally“, also ein*e Verbündete*r. Das ist zu viel für die Alman-Identitätspolitik: Jemanden als „Kartoffel“ zu bezeichnen, ob süß oder nicht, das geht gar nicht! Das ist doch „deutschenfeindlich“. Das Bundesinnenministerium ist der Meinung, das Projekt verstoße mit diesem Post gegen „gesellschaftlich wichtige Werte“ und hat deshalb die bpb gebeten, das Projekt insgesamt auf den Prüfstand zu stellen und den entsprechenden Post mit einem Kommentar zu versehen. Das hat sie getan und schreibt: „unser letzter Beitrag war ein Fehler, weil er selbst diskriminierend war. Das war nie unsere Absicht und dafür entschuldigen wir uns ausdrücklich. Die wichtige Auseinandersetzung mit Rassismus darf nicht so geführt werden, dass Andere herabgewürdigt werden.“ Es ist so zum Fremdschämen, ich halte es kaum aus. Gez. eine Süßkartoffel

Samstag, 5. Juni

In Ulm wurde ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt. Ein Mann wurde dabei beobachtet, wie er brennbare Flüssigkeit an die Fassade goss und anzündete. Der Täter konnte unerkannt verschwinden, der Brand zum Glück schnell gelöscht werden. Es wurde niemand verletzt. Es ist unerträglich, dass wir in einem Land leben, in dem es täglich zu mehreren antisemitischen Angriffen kommt. Im vergangenen Jahr wurden 2.351 antisemitische Straftaten registriert, rund 16 Prozent mehr als im Jahr davor. Von den gemeldeten 2.351 Taten entfielen rund 94,6 Prozent (2.224 Straftaten) auf das rechte Spektrum. Trotzdem hält sich der Vorwurf hartnäckig, dass vor allem Muslim*innen für antisemitische Gewalt verantwortlich seien. Auch nach dem Anschlag von Ulm scheinen einige schon zu wissen, welchen Hintergrund der Täter hatte. Ich vermute, dass es für Juden*Jüdinnen in Deutschland gar nicht so wichtig ist, ob die Gewalt von Menschen mit oder ohne (familiärer) Migrationsgeschichte ausgeht. Fakt ist, das muss aufhören! Ich bin froh, dass gestern in Ulm nichts Schlimmeres geschehen ist, aber ich weiß, dass der nächste Anschlag kommen wird. Juden*Jüdinnen müssen besser geschützt werden. Antisemitismus muss bekämpft werden. Sonntagsreden und betroffene Gesichter der Regierenden helfen niemandem weiter.

Sonntag, 6. Juni

In Sachsen-Anhalt wurde gewählt und ich wusste schon vor den ersten Hochrechnungen, dass es übel sein würde. Über die Hälfte der Wähler*innen machte ihr Kreuz bei einer rechten Partei, zählt man die FDP dazu sind es fast zwei Drittel. Fast ein Viertel wählte rechtsextrem. Es wird mir angst und bange, wenn ich an die Bundestagswahlen im September denke. Denn anders als so manche*r Journalist*in halte ich den Rechtsruck in unserem Land nicht für ein rein ostdeutsches Phänomen. CDU und CSU haben den Wahlkampf längst begonnen und die sehen den Feind nicht rechts, sondern grün. Anstatt sich dem steigenden Zahlen rechtsextremistisch motivierter Straftaten zu widmen, den sich ausbreitenden Fakenews und Verschwörungsmythen entgegenzustellen, inszenieren sie eine alberne Kampagne über den Lebenslauf von Annalena Baerbock und die angeblich geplante Spritpreiserhöhung der Grünen. Die Union ist so lost, ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Es wäre lustig, wenn es nicht so brandernst wäre.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Bert Kaesser

    Danke Du liebe, süße Kartoffel für Deine Beiträge. Soooo wichtig und gut!!!

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