Nicht in diesem Ton!

Nicht in diesem Ton!

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Seit ich in der Lage bin, mich mit Worten auszudrücken, ist die Ton-Polizei mein treuer Begleiter. Wann immer ich meine Meinung vertrete, Sexismus oder Rassismus* benenne, Ungerechtigkeiten anprangere, mich gegen Herabwürdigungen wehre oder in Diskussionen eine vom Mehrheitskonsens abweichende Position einnehme, dauert es nicht lange, bis ich auf meinen „unangemessenen Ton“ hingewiesen werde.

„Warum bist du so aggressiv?“, „Beruhig‘ dich mal!“, „Das kann man doch auch freundlicher sagen!“, „Steigere dich nicht so rein!“ – die Liste der Phrasen ließe sich beliebig erweitern, im Kern verbindet sie alle die gleiche Aussage: „Der Ton macht die Musik“. Da ist sie die Ton-Polizei. Oder Tone Policing, wie es richtig heißt.

Tone Policing ist eine Strategie, die gleich mehrere Funktionen erfüllt.

Erstens Derailing

Indem der Tonfall zum Thema gemacht wird, geht es nicht länger um den Inhalt des Gesagten. Tone Policing ist eine effektive Strategie der Ablenkung. Plötzlich geht es gar nicht mehr um die (z.B. rassistischen sexistischen / ableistischen / homophoben /etc.) Aussagen meines Gegenübers, sondern um meinen Ton. Wenn ich über meine Erfahrungen mit Sexismus spreche, werde ich zurechtgewiesen, ich dürfe doch nicht alle Männer über einen Kamm scheren. Schon reden wir nicht mehr über Sexismus, sondern darüber, dass doch nicht alle Männer so sind.

Zweitens Silencing

Tone Policing funktioniert hervorragend, um das Gegenüber zum Schweigen zu bringen. „Wenn du das nicht ruhiger / netter / differenzierter sagst, rede ich nicht mehr mit dir“ – Beim Tone Policing werden einseitig Gesprächsregeln aufgestellt und damit die Machtverhältnisse klar gemacht.

In der Regel sind diejenigen, die eine gemäßigte Wortwahl oder eine ruhige Sprechweise fordern, vom Gesprächsinhalt nicht betroffen. Wenn es um Sexismus oder Gewalt gegen Frauen geht, verlangen Männer, dass die Frau „sich beruhigt“ und „nicht so emotional“ wird.

Das Märchen der Objektivität

Beim Silencing wird Betroffenen unterstellt zu emotional, zu involviert zu sein. Sie könnten deshalb nicht „objektiv“ über einen Sachverhalt sprechen und seien dadurch für die sachliche Debatte disqualifiziert. Die vermeintliche Neutralität und Objektivität weißer Cis-Männer gerät schnell ins Wanken, wenn man sie selbst zum Thema macht. Dafür braucht man sie nur auf ihre vielfältigen Privilegien hinzuweisen. Dass Objektivität ein Mythos ist, den weiße Männer erfunden haben, um sich die unangefochtene Diskurshoheit zu sichern, mache ich in einem anderen Blogartikel zum Thema, das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

Das Patriarchat fällt nicht durch Engelszungen

Die Annahme, mit dem eigenen Anliegen Gehör zu finden, wenn es nur maximal ruhig und sanftmütig vorgebracht würde, ist im Übrigen Bullshit. Das würde ja bedeuten, dass marginalisierte, entrechtete Personen ihren Unterdrücker*innen einfach nur sachlich ihre Sicht der Dinge schildern müssten, um die Ungerechtigkeiten zu beenden.

Tone Policing wird übrigens nicht nur von Männern angewandt. Häufig weisen auch Frauen mich darauf hin, dass ich mit meinem Ton der Sache schaden würde. „Wenn du das so aggressiv sagst, schreckst du doch alle ab“ oder „wenn du jemanden für deine Sache gewinnen willst, solltest du das nicht so negativ formulieren“ – Ja klar, als würde das Patriarchat überhaupt nur noch deshalb bestehen, weil ich meine Wortwahl nicht mäßigen kann. Versucht doch mal den Gender Pay Gap mit einem ruhig vorgetragenen Referat zu schließen oder die häusliche Gewalt durch eine freundlich-sanfte Täter-Ansprache zu beenden.

Tone Policing ist eine Machtdemonstration

Tone Policing ist Ausdruck eines Machtgefälles, indem die hierarchisch höherstehende Person die marginalisierte Person maßregelt, um ihre Machtposition zu demonstrieren. Zu beobachten ist das sowohl in privaten und öffentlichen Debatten als auch im medialen Diskurs: Wenn alte Politiker*innen oder Journalist*innen bspw. jungen Umweltaktivist*innen Naivität unterstellen oder ihre Forderungen lächerlich machen wollen. Oder wenn BIPoC über Rassismuserfahrungen sprechen und sich dann anhören müssen, sie dürften nicht alle Weißen in einen Topf werfen. Oder indem wir von Be_hinderten verlangen, dass sie ihren Wunsch nach barrierefreiem Zugang doch auch mal für sich behalten können, weil „nervt“.

Hinterfrag dich selbst, nicht den Ton deines Gegenübers

Wenn ihr das nächste Mal das Bedürfnis habt, euer Gegenüber für seinen Ton zu maßregeln, hinterfragt zunächst euch selbst. Fühlt ihr euch vielleicht vom Gesagten persönlich angegriffen? Wenn ja, warum? Oder seid ihr möglicherweise einfach nicht betroffen und könnt deshalb gar nicht nachempfinden, wieso euer Gegenüber so wütend ist? Versucht euch in die Position von Betroffenen zu versetzen. Gelingt es euch, die Emotion nachzuvollziehen? Wenn nicht, fragt nach, zeigt Interesse. Aber nutzt nicht eure privilegierte Position, um vom Thema abzulenken oder eure*n Gesprächspartner*in zum Schweigen zu bringen.  

*Als weiße Deutsche habe ich nie Rassismus erfahren. Zum Thema Tone Policing im Zusammenhang mit Rassismus empfehle ich die Beiträge von Melina Borčak und Tess Martin (englisch).

Hört zu diesem Thema unbedingt auch den Podcast von Nicole Schöndorfer:

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