Es ist an der Zeit, Alice Schwarzer endgültig zu verabschieden. Die Aufmerksamkeit, die wir ihr schenken, verdient sie schon lange nicht mehr. Der Newsletter als Abschiedsbrief.
Alice Schwarzer hat im „Spiegel“-Interview einer möglichen Kanzlerschaft Alices Weidels einen „ermutigenden Effekt“ für Frauen zugesprochen und damit eine kleine Welle der Entrüstung ausgelöst: Wie kann sie nur!? Die 83-Jährige ruderte schnell zurück und EMMA veröffentlichte einen Artikel, um die Aussagen ihrer Gründerin geradezurücken: „Sie findet die Existenz der AfD eine Katastrophe, aber den Umgang damit ebenso“, heißt es darin. Wer Alice Schwarzers Positionen schon länger verfolgt, wird für die jüngste Entgleisung kaum mehr als ein Schulterzucken übrighaben. Spätestens seit Schwarzer und EMMA trans Personen zum Hauptfeind erklärt haben, ist nicht mehr viel übrig vom einstigen Image, auch wenn bis heute jeder kritische Artikel betont, sie habe ja „viel für Frauen getan“. Was das konkret gewesen sein soll, bleibt jedes Mal unklar. Ich bin letzte Woche 40 geworden, ich kann mich an keine einzige Schwarzer-Aktion zu meinen Lebzeiten erinnern, die ihrem Stellenwert im feministischen Diskurs gerecht würde. Das legendäre „Stern“-Cover („Wir haben abgetrieben“) erschien vor 55(!) Jahren. Übrigens hatte Schwarzer die Aktion einfach nur von französischen Feministinnen kopiert, die das Gleiche bereits Monate zuvor im Wochenmagazin „Le Nouvel Observateur“ gemacht hatten. Woran ich mich erinnere, wenn ich an Alice Scharzer denke:
- Alice Schwarzer als Werbegesicht der BILD-Zeitung (2007)
- Ihre wiederholten Tiraden gegen „Nuttenmode“, in denen sie Opfern sexualisierter Gewalt indirekt eine Mitschuld gibt: Frauen „sollten wissen, wie sie wirken. Und wenn man manchmal nicht weiß, ob die junge Frau an der Straßenecke auf ihren Freund wartet oder auf einen Freier – dann kann das auch für die Frau problematisch werden“, sagte sie im Falter-Interview 2007.
- Ihren seit Jahrzehnten andauernden Feldzug gegen den Islam und ihre Forderung nach einem „Kopftuch-Verbot“ (2010)
- Ihre jahrzehntelange Steuerhinterziehung, die 2014 bekannt wurde und ihre hochpeinliche Rechtfertigung (in der sie sich implizit mit den Opfern des Nationalsozialismus verglich)
- Ihre Sympathien für PEGIDA 2015: „Sollte die Politik das Unbehagen dieser überwältigenden Mehrheit nicht ernst nehmen, statt es weiterhin zu ignorieren, abzustrafen, ja zu dämonisieren“ (Quelle)
- Ihre uninformierten Aussagen zum Thema Sexarbeit und ihre Lobby-Arbeit für das „Nordische Modell“
- Ihre Forderung, den „Internationalen Frauentag“ abzuschaffen, weil der eine „sozialistische Erfindung“ sei (2021)
- Ihre seit Jahren laufende Hetzkampagne gegen trans Personen
Und so weiter und so fort. Alice Schwarzer war nie eine progressive Feministin. Ihr Status als „Ikone der deutschen Frauenbewegung“, den sie möglicherweise lediglich aus Mangel an Konkurrenz erhielt, verdeckte einfach lange ihre zutiefst reaktionäre Position.
Jede Frauenbewegung kriegt die Ikone, die sie verdient.
Während innerhalb der 1. Welle des Feminismus die proletarische Frauenbewegung Klassen- und Geschlechterfragen noch zusammendachte (siehe beispielsweise Clara Zetkin), war der bürgerliche Flügel schon damals gemäßigt bis konservativ. Bereits auf der Gründungsversammlung des Bunds Deutscher Frauenvereine (BDF) 1894 wurde einleitend erklärt, dass Arbeiterinnen nur dann willkommen seien, wenn sie keine politischen Tendenzen hätten. Den gesellschaftlich ohnehin bessergestellten Frauen ging und geht es bis heute in erster Linie um sich selbst. Frauen unterhalb ihres Standes wurden allenfalls karitativ bedacht. Entsprechend konnten um 1900 die Dienstbotinnen und Hausmädchen im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen nicht auf die Unterstützung ihrer weiblichen Dienstherren zählen. Von den Sozialistinnen abgesehen, kämpfte die deutsche Frauenbewegung seit jeher vor allem für ihren eigenen Anteil an der Macht. Damals wie heute verstehen bürgerlich-liberale Feminist*innen Gleichberechtigung als die gerechte Verteilung von Macht zwischen Männern und Frauen im bestehenden System, während die proletarische Frauenbewegung damals und sozialistische Feminist*innen heute eine klassenlose Gesellschaft fordern, in der niemand die Macht über andere hat.
In der sogenannten 2. Welle des Feminismus in Westdeutschland prägten Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen ab den 1960er Jahren einen nahezu apolitischen Feminismus, der sich ausschließlich auf das Geschlechterverhältnis konzentrierte und die Klassenfrage aus der Debatte drängte. Während in Frankreich intellektuelle Feministinnen zentrale Denkanstöße gaben, die Geschlechterfrage eingebettet in philosophische Theorie diskutiert wurde und Feminismus eher als Gesellschaftstheorie, denn als Bewegungspraxis verstanden wurde, ging es in der BRD viel mehr um individuelle Erfahrungen und Selbsthilfe in autonomen Gruppen (z.B. Frauen-Lesben-Zentren). Die deutsche Frauenbewegung war weder in Gewerkschaften besonders stark noch in der politischen Linken fest verankert und existierte eher parallel als mittendrin. Explizit linke Frauen begriffen sich vermutlich stärker als Marxistinnen, Sozialistinnen oder Kommunistinnen, weniger als Feministinnen. Anders als in den USA, wo feministische Kämpfe als Teil des Civil Rights Movement verstanden wurden und Dank aktivistischer Denker*innen wie Angela Davis oder bell hooks auch intersektional über race, class und gender diskutiert wurde, kamen Schwarze Frauen in Deutschland kaum zu Wort. Die mediale Dominanz von Alice Schwarzer in der öffentlichen Wahrnehmung, verhinderte eine breitere Diskussion unterschiedlicher feministischer Positionen, wie sie durchaus ab den 1980er Jahren im Schwarzen Feminismus (Black Feminism) stattfand, jedoch keine annährend vergleichbare Strahlkraft entwickelte. Dass Deutschland mit Alice Schwarzer „die eine“ Feministin hatte, die „das Gesicht“ der Frauenbewegung war, sorgte dafür, dass Schwarzer zwar lange von rechten, antifeministischen Kräften angegriffen, jedoch kaum von links öffentlich kritisiert wurde. So konnte sie sich als die Stimme des Feminismus gerieren, die sie in Wahrheit nie war. Sie war und ist vor allem richtig gut in Selbstvermarktung.
Zeit loszulassen
Am Dienstag stellte Alice Schwarzer ihr neuestes Buch im Babylon Kino in Berlin vor, draußen protestierten ein paar queere Gruppen dagegen, dass die Transfeindin eine Bühne bekommt. Den offenen Brief habe ich auch unterzeichnet. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir Alice Schwarzer nicht insgesamt zu viel Aufmerksamkeit widmen, wenn wir immer wieder versuchen zu belegen, dass ihre Positionen keinesfalls „feministisch“, sondern in vielerlei Hinsicht explizit antifeministisch sind. Alice Schwarzer trägt weder zur innerfeministischen Debatte bei, noch hat sie gesamtgesellschaftlich relevantes zu sagen. Der einzige Grund, dass sie überhaupt noch öffentlich stattfindet, ist ihre Fähigkeit zur Provokation. Sie weiß sich im Gespräch zu halten, ködert mit Transfeindlichkeit, Rassismus und AfD-Koketterie und versinkt nur deshalb nicht im Meer der Belanglosigkeit, weil wir immer wieder anbeißen. Vielleicht ist es Zeit, sie endlich zurückzulassen.
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Das wars für heute, passt auf euch und aufeinander auf
Ulla
