Im März-Newsletter schreibe ich mich um Kopf und Kragen, um zu erklären, warum der gute alte „Männerhass“ zwar berechtigt ist, aber das Patriarchat nicht stürzen wird.
Nachdem Collien Fernandez öffentlich machte, dass ihr Ex-Mann Christian Ulmen ihr Jahre lang Gewalt angetan haben soll, brennt das Internet. Während Incel-Trolle und peinliche C-Promis (siehe Monika Gruber oder auch Florian Schröder) wieder ganz laut „Not All Men“ oder „Unschuldsvermutung“ krakeelen, scheint die sich selbst als feministisch verstehende Bubble gespalten: Männer sollten jetzt gefälligst das Maul halten und zuhören, fordern die einen. Überhaupt: Männer könnten gar keine Feministen sein und Männer, die sich feministisch geben, seien die schlimmsten. Die anderen verlangen, dass Männer gefälligst endlich den Mund aufmachen sollten. Es könne doch nicht sein, dass schon wieder nur Frauen über das Thema reden.
Wer jetzt denkt, dass nun ein Text darüber folgt, dass „Männer es ja eh nie richtig machen können“, kennt mich schlecht. Generell ist mir das, was Männer im Einzelnen so tun, relativ egal. Männer (cis und trans) spielen in meinem Leben eine eher kleine Rolle. Dafür, dass sie fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, habe ich erstaunlich selten mit ihnen zu tun.
Was mir nicht egal ist: Patriarchale Gewalt. Die passiert die ganze Zeit, überall auf der Welt, im Privaten und strukturell. Dem Lagebild „Häusliche Gewalt“ des Bundeskriminalamts zufolge wurden im Jahr 2024 265.942 Opfer häuslicher Gewalt erfasst, das bedeutet: durchschnittlich jede zweite Minute erlebt ein Mensch (die große Mehrheit Frauen und Kinder) Gewalt im eigenen Zuhause. Die Statistik erfasst nur diejenigen Fälle, die der Polizei bekannt sind, die Dunkelziffer liegt vermutlich um ein Vielfaches höher.
Ulmen ist überall
Ein Fall wie der im Hause Ulmen-Fernandez bekommt viel Aufmerksamkeit, „besonders“ in dem Sinne, ist er aber nicht. Angesichts des schockierenden Ausmaßes digitaler sexualisierter Gewalt, die Ulmen seiner Ehefrau angetan haben soll (das ist aus juristischen Gründen so formuliert), rücken die weniger spektakulären Details in Collien Fernandez‘ Bericht in den Hintergrund. Die heute 44-Jährige spricht von psychischer Gewalt, Herabwürdigungen, Drohungen, Einschüchterungen und auch körperlichen Übergriffen, die sie seit 2012 durch Christian Ulmen erfahren habe („mutmaßlich“, klar). Es ist ein leider typisches Bild einer Gewaltbeziehung, inklusive Beteuerungen des Täters, sich ändern zu wollen und Scham und Unsicherheit der Betroffenen. Leider ist nichts daran „besonders“. Collien Fernandez Entscheidung, den (mutmaßlichen 🥱) Gewalttäter zu verlassen, ihn anzuzeigen, ist mutig, aber nicht mutiger als die jeder anderen Betroffenen. Fernandez ist gegenüber den meisten anderen gewaltbetroffenen Frauen extrem privilegiert; sie hat die finanziellen Mittel, die es für eine Trennung braucht, für eine eigene Wohnung, für anwaltliche Vertretung im möglichen Sorgerechtsstreit. Sie muss nicht auf einen Platz im Frauenhaus hoffen, sie kann ihren Lebensunterhalt allein bestreiten, ohne auf die finanzielle Unterstützung Dritter angewiesen zu sein. Dass Collien Fernandez sich entschieden hat, ihre (statistisch gesehen recht gewöhnliche) Geschichte öffentlich zu machen, ist nicht selbstverständlich. Wir alle wissen, wie mit Frauen umgegangen wird, die (prominente) Männer der (sexualisierten) Gewalt bezichtigen. Collien Fernandez weiß das auch. Sich dem trotzdem auszusetzen, ist unglaublich mutig. Gut möglich, dass Gisele Pelicóts Vorbild eine Rolle gespielt hat: Die Scham muss die Seiten wechseln.
Klingt gut, aber: Scham ist generell alles andere als produktiv. Was haben Betroffene davon, wenn sich Täter schämen? Was haben wir alle davon, wenn sich Männer schämen? „Die Wut muss die Seiten wechseln“, fordern jetzt manche oder auch „Die Verantwortung muss die Seiten wechseln“. Wut und Verantwortung sind durchaus konstruktivere Reaktionen auf patriarchale Gewalt als Scham. Und überhaupt: Absolut gar nichts spricht dagegen, dass jeder einzelne Mann sich ernsthafte Gedanken über seine eigene Rolle im patriarchalen Gefüge macht.
Dennoch habe ich ein Problem mit diesem Bild der „Seiten“. Es basiert auf einer binären Vorstellung von Geschlecht, der Annahme, dass Frauen „so und so“ sind und Männer „anders“. Es ist eine biologistische Essentialisierung von Geschlecht, die einfache Antworten auf ein komplexes Problem verspricht. Versteht mich nicht falsch, mir geht es nicht darum, dass auch Frauen Täterinnen sein können und Männer Opfer von häuslicher und Partnerschaftsgewalt werden. Das ist bekannt, das leugnet auch (fast) niemand. Mir geht es auch nicht darum zu sagen, dass Männer nicht pauschal verurteilt werden dürfen. Diese Debatte ist völlig am Thema vorbei und ich habe alle, die „Not All Men“ sagen, im Verdacht, auch „All Lives Matter“ zu rufen, wenn wir über Rassismus sprechen.
Strukturelle Gewalt ist mehrdimensional
Worum es mir geht: Das Patriarchat ist ein Gewaltsystem, das auf Misogynie und vergeschlechtlichter Unterdrückung basiert. Diese Gewalt ist historisch gewachsen und sie ist strukturell. Sie ist untrennbar verwoben mit anderen Gewaltsystemen; mit rassistischer und kolonialer Gewalt, kapitalistischer Ausbeutung, Ableismus und Sozialdarwinismus. Einen einzelnen Strang aus diesem Gewebe zu lösen ist unmöglich. Patriarchale Gewalt ist viel komplexer, als dass sie sich auf einer zweidimensionalen Achse abbilden ließe, an deren einen Ende „Männer“ stehen und am anderen „Frauen“. Wir kommen nicht voran, wenn wir die Debatte entlang dieser einen Achse führen, uns an Binaritäten entlanghangeln.
Anstatt über „Männer“ und „Frauen“ zu reden, müssen wir über Geschlechterrollen sprechen, über Männlichkeitsbilder genauso wie über unsere Vorstellungen von Weiblichkeit. Wir müssen unbedingt über Misogynie reden. Und auch darüber, dass erstens misogyne Ansichten längst kein reines „Männerproblem“ sind, und zweitens auch Männer negativ von Misogynie betroffen sein können, nämlich immer dann, wenn ihnen vermeintliche „Weiblichkeit“ attestiert wird, wenn sie als „Weicheier“ gelten oder die Begriffe „schwul“ und „unmännlich“ synonym verwendet werden.
Binäre Logiken überwinden
Geschlecht ist gesellschaftlich konstruiert. Das wurde schon so oft gesagt, dass es wie eine Phrase klingt, aber leider teilen wir selbst innerhalb feministischer Kämpfe kein gemeinsames Verständnis davon. Denn während die einen (zu denen ich mich zähle) das Ziel haben, Geschlecht tatsächlich zu dekonstruieren, Binaritäten loszulassen und in eine (idealerweise) genderfreie Zukunft zu investieren, halte andere am binären Modell fest – „the future is female!“ – und glauben, dass sich die Männer nur ändern müssten, um das Patriarchat endlich hinter uns zu lassen.
Selten ist es mir so schwergefallen, bei einem Text auf den Punkt zu kommen. Ich streite mit mir selbst und werfe mir „Abers“ entgegen: Aber Männer müssen sich doch auch ändern! Aber die Realität zeigt doch, dass die Gewalt fast immer von Männern ausgeht, das muss man doch auch so benennen! Aber die Wut der Frauen ist doch komplett berechtigt!
Ja, Ja und Ja. Ich teile die Wut und die Erschöpfung. Es macht mich rasend, dass es fast ausschließlich Frauen sind, die gegen patriarchale Gewalt protestieren. Ich weiß nicht, was noch passieren muss, damit eine nennenswerte Zahl von Männern endlich die Initiative ergreift und echte Veränderungen anstrebt.
Und da kommt das nächste Aber: Ich glaube eben nicht, dass das letztlich der richtige Ansatz ist. Dieses binäre „Wir“ und „Die“, das so gerne bemüht wird und nicht nur regelmäßig übersieht, dass Menschen aller Geschlechter von patriarchaler Gewalt betroffen sind, sondern auch unsichtbar macht, wie sehr Frauen zur Aufrechterhaltung dieses und anderer Unterdrückungssysteme beitragen. Ein Diskurs, der „Männer“ und „Frauen“ als zwei sich gegenüberstehende Pole, zwei klar voneinander abgegrenzte, in sich homogene Gruppen, versteht, führt immer wieder in die gleichen Sackgassen, stößt auf unlösbare Widersprüche und dreht sich im Kreis.
„Nobody’s free until everybody’s free“ („Niemand ist frei bis wir alle frei sind“), hat die Schwarze Bürgerrechtsaktivistin Fannie Lou Hamer (1917-1977) gesagt und auch wenn sich der gute alte Männerhass unendlich befreiend anfühlen kann, er wird uns nicht befreien.
Ich mache hier jetzt einen Punkt. Ich habe zwar das Gefühl, nicht vollumfänglich ausgedrückt zu haben, was ich sagen will, aber ich habe auch das Gefühl, dass ich es gerade nicht besser kann. Ich werde weiter darüber nachdenken müssen und vielleicht tut ihr das auch. Wenn ihr Gedanken dazu teilen wollt, freue ich mich sehr.
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Ulla

